Im Frankfurter Fotografie Forum geht der Punk ab

Der besondere Moment

Auch wenn eines der witzigsten Exponate, »Polka is not dead«, den polnisch-tschechischen Tanz hochleben lässt, ehrt das Fotografie Forum Frankfurt mit der Schau »Rock. Punk. Funk« eher die härteren Gangarten des Hörkultur. Dabei liegt der Fokus der rund 180 Bilder auf den Stars und Stimmungen der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts.
Wer nun argwöhnt, doch nur die üblichen Verdächtigen der Rockgeschichte serviert zu bekommen, liegt nicht ganz falsch. Der Walk on the Wild Side, zu dem die Arbeiten von zehn Fotografen einladen, zeigt viel Vertrautes und ist gewiss auch altersspezifisch limitiert. Manches davon hat gar Kultstatus: wie das  Porträt von John Lennon im ärmellosen New-York-City-T-Shirt von Bob Groen oder der hinter seiner weißrahmigen Sonnenbrille abgetauchte Nirvana-Sänger Kurt Cobain von Anton Corbijn. Es ist das einzige des Holländers hier, der längst selbst zur Ikone geworden ist.
Dafür besetzt Corbijns einstiger Chef, Gijsbert Hanekroot, eine ganze Wand mit einer Serie von Vintage-Fotos, die zwischen 1963 und 1983 vor allem auf Pressekonferenzen entstanden. Den besonderen Moment hat Hanekroot freilich trotzdem immer wieder erwischt: John Entwistle (The Who) ganz nachdenklich, Frank Zappa heiter erstaunt von der Kaffeetasse in seiner Hand aufblickend, Joni Mitchel scheu und empfindsam, Keith Richards mit Sohn in einem Hotelzimmer, das geradezu nach Mutti schreit. Dazu David Bowie oder Patti Smith in einer Intimität, die im durchgemanagten Highsecurity-Heute gar nicht mehr herstellbar ist.
Diese Nähe und Unmittelbarkeit zeichnen auch Fotografien von Barbara Klemm aus. Die FAZ-Bildreporterin hier zu finden, verwundert nur im ersten Augenblick. Als sie noch nicht so oft mit der Hochpolitik auf Weltreise war, schickte sie die Redaktion auch in die Region, etwa ins einstige Frankfurter Radstadion, wo sie Chuck Berry ablichtete, oder in die Jahrhunderthalle zu Tina Turner oder Janis Joplin. Eine Viererserie folgt der Sängerin von »Mercedes Benz« und zeigt sie mit entrücktem Blick und einer Flasche Tequila.
Wechselseitiges Vertrauen spiegeln auch die Bilderfrequenz »Roadkill« des Spaniers Pep Bonnet, der Motörhead auf einer Tournee begleitete, und Stanley Greenes von 1975 bis 1985 erstellte Punk-Documentary, die Bands, Clubs und Fans von Mabuhay Garden in San Francisco bis zum CBGB in der Bowerie von Manhattan zeigt. Der Rolle der Musik als Medium der Selbstverwirklichung geht Susan Barnett nach, die T-Shirt-Rückenbotschaften wie die des Polka-Spruchs im gesellschaftlichen Kontext betrachtet.
Leise rieselt der Rock aus den Lautsprechern des FFF, doch können Besucher über eine Playlist via Spotify auch sehr viel konkreter auf die Musik ihrer Idole beziehen. Dafür, dass es dabei auch zeitnäher klingen kann, sorgen Günther und Felix Pfannmüller als offizielle Rock-am-Ring-Fotografen mit dem bei weitem jüngsten und frischesten Material. Es sind Vater und Sohn mit der Lizenz von Mama, wie der Veranstalter in den Anfängen hieß.

Lorenz Gatt (Foto: © Barbara Klemm)
Bis 23. August: Di.–So. 11–18 Uhr, Mi. bis 20 Uhr
www.fffrankfurt.org

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