Gott verhüte! (Start: 7.8.2014)

Gott verhüte!Von wegen Komödie

»Gott verhüte!« von Vinko Brešan

Kondom, Pille und Abtreibung – ist das Thema Empfängnisverhütung nicht schon längst durch? Nicht in diesem kroatischen Box-Office-Hit, in dem ein Pfarrer auf einer Insel an der Adriaküste die Familienplanung in seine Hand nimmt.

Der unerfahrene junge Geistliche Fabian soll auf der idyllischen dalmatinischen Insel die Nachfolge des Dorfpfarrers antreten, der bald zum Weihbischof befördert werden wird. Jakub, ein Pfarrer zum Anfassen, spielt im Fußballverein, ist auf jeder Feier und dirigiert den Kinderchor. Zum Beichten stehen die Gläubigen bei dem leutseligen Alten Schlange. Zu dem jungen Fabian kommen nur solche, die keine Zeit zum Warten haben – wie Kioskverkäufer Petar, der, angestiftet von seiner streng religiösen Frau, beichtet, dass er durch den Verkauf von Kondomen »Menschen umbringt«. Fabian, der mit Sorge registriert hat, dass auf der Insel viel gestorben, aber kaum geboren wird, hat eine Idee. Mit Petar perforiert er heimlich die Spitze der Kondome. Dann verbünden sich die beiden mit Apotheker Marin, der Antibabypillen durch Vitaminpillen ersetzt. Mit der Überwachung des Sexuallebens der Einwohner, einem strategischen Verkupplungsplan und mit qua priesterlicher Autorität ausgesprochenen Lügen lässt das Trio die Vermählungs- und Geburtenrate hochschnellen. Die »Insel der Liebe« kommt ins Fernsehen, wird von unfruchtbaren Touristenpaaren besucht und blüht auf …
Und nach diesem komödiantischen Beginn dekliniert Regisseur Vinko Brešan konsequent durch, zu was es außerdem führt, wenn Frauen ungewollt schwanger werden. So braut sich hinter der Anmutung eines balkanisch-deftigen »Don Camillo«-Schwanks das Unglück zusammen. Der pfiffig-naive Pfarrer, der mit seiner »Seid fruchtbar und mehret euch«-Prämisse der Insel und auch seiner eigenen Zunft das Überleben sichern will, wird unversehens zum Auslöser einer Satire über die bigotte Institution Katholische Kirche mit ihren verdrängten Pädophilie-Skandalen.
Zwar mutet es fast altmodisch didaktisch an, wie Brešan die schlechte alte Zeit für Frauen erneut heraufbeschwört und exemplarisch das kleine und große Unglück rund ums ungewollte (aber auch ums unmögliche) Kinderkriegen demonstriert. Bestechend ist jedoch die Leichtfüßigkeit, mit der diese Lektionen illustriert werden. Dank des ausgefeilten Drehbuchs, in dem skurrile Nebenfiguren zu Strippenziehern aufsteigen, bekommt die Stimmung folkloristischer Hemdsärmeligkeit allmählich bedrohliche Nuancen. Doch bis zum Schluss bleibt der Tonfall luftig und von melancholischem Humor durchzogen – was die allerletzte Scheußlichkeit umso erschütternder macht.
Krešimir Mikić ist als Zauberlehrling, der die Kontrolle verliert, perfekt besetzt. Äußerlich ist der leicht karikaturhafte Gottesdiener mit der ›deadpan‹-Miene, hinter der naive Visionen der Unzucht brodeln, durchaus auch als Inquisitor oder Sowjetkommissar denkbar. Dennoch entpuppt sich Fabian trotz seiner List und Tücke als der anständigste unter seinen, wie sich zeigt, zynischen Kollegen.
Vom post-ideologischen kroatischen Publikum wird dieser inländische Boxoffice-Hit vielleicht auch als Parabel über Sozialingenieure, die Gesellschafts-Arithmetik über menschliche Bedürfnisse stellen, gesehen. Als »Komödie« jedenfalls ist »Gott verhüte!« zum Glück ein Etikettenschwindel.

Birgit Roschy

GOTT VERHÜTE! (Svecenikova djeca)
von Vinko Bresan, Kroatien/Serbien 2013, 93 Min.
mit Kresimir Mikic, Niksa Butijer,
Marija Skaricic, Drazen Kühn
Komödie
Start: 07.08.2014

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