Kammeroper führt »Carmen« im Palmengarten auf

Kammeroper: CarmenViel Gefühl und wenig Folklore

In Lifestyle-Magazinen würde sie wohl eine Fraufrau genannt: Carmen, die männerbetörende Arbeiterin aus der Zigarrenfabrik in Sevilla und Titelheldin der Oper von Georges Bizet. Attraktiv, leidenschaftlich, ihrer Wirkung bewusst, folgt die freiheitsliebende Zigeunerin nur ihren eigenen Regeln. Und reizt damit zwei spanische Machos bis auf das sprichwörtliche Blut. Für Nietzsche war dieses Frauenbild Grund genug, das 1875 uraufgeführte Werk zu seiner Lieblingsoper zu erklären. Und für Rainer Pudenz, das »berühmteste Dreiecksdrama der Operngeschichte«, mit der Frankfurter Kammeroper zu inszenieren und damit »spanische Glut im schattigen Grün des Palmengarten« zu entfachen.

Pudenz will seiner Carmen einiges vom Bild einer Sexy Hexy nehmen, das ihr gern und häufig in herkömmlichen Inszenierungen angeheftet werde, dafür das Rationale ihres Tun betonen. Ihr Verhältnis zu Don José, der sie am Ende aus Eifersucht umbringen wird, basiere auf purem Kalkül. Carmen nutze ihn, um frei zu kommen, und lasse ihn konsequent fallen, sobald sie sich mit dem Torero Escamillo besser stelle. Aber auch das zur Idylle neigende Zigeunerbild will der Regisseur (»Keine Folklorismen«) korrigieren. Seine Lesart lehne sich stärker an die textliche Vorlage von Prosper Merimée an, der für seine Novelle Studien über die Roma-Kultur betrieben und einen sozialeren Zugang gewählt habe. Außerdem werde die Inszenierung in die Aufbruchszeit des nachfranquistischen Spaniens der 80er Jahre verlegt.

Die Rolle der Carmen werden die seit vielen Jahren zum Ensemble gehörende Mezzosopranistin Dzuna Kalnina und ihre Kollegin Natascha Valentin-Hilscher im Wechsel spielen, den Torero Escamillo gibt Christiaan Snyman (Bariton), den Don José Alec Otto (Tenor), beide neu im Ensemble und beide Südafrikaner. Bei der Suche nach Talenten profitiere er nicht nur von einem stark verbesserten Angebot, sondern auch davon, dass sein Haus als Sprungbrett für Karrieren gesucht sei. Den schnellen Euro und satte Gagen gebe es schon aufgrund der eher übersichtlichen städtischen Unterstützung nicht. Umso erfreulicher, dass man auch in diesem Sommer wieder auf Florian Erdl als den Musikalischen Leiter zugreifen könne, der inzwischen als Kapellmeister an der renommierten Oper Graz fest engagiert sei. Kontinuität verspricht einmal mehr auch die mit stilisierten Gemälden von Mateo Vilagrasa bespielte Bühne.

Winnie Geipert

 

Achtung: Kleiner Tipp: Wer seine Karten im Vorverkauf erwirbt, kann über den alten Haupteingang bequem und direkt die Spielstätte erreichen. Der Weg über die verlegte Kasse an der Palmengartenstraße führt umständlich einmal um das Gesellschaftshaus herum.

 

Carmen: Vom 13. Juli–11. August,
immer Mi., Fr.– So. jeweils 19.30 Uhr

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