Frankfurter Fotografie-Forum: »World of Wonders«

Zahnbürsten zu Blumenbeeten

Es geht auch völlig unpolitisch: Der argentinische Fotokünstler Frederico Winers in Buenos Aires betrachtet die Erde aus der Vogel-, besser der: Satellitenperspektive von Google Earth und versucht in dem, was sein kartografischer »Ultradistancia«-Blick dabei erspäht, Schönheit und Ästhetik abzugewinnen. In seiner Werkgruppe »Ultradistancia Monsters« hat er Inseln und Landzungen wie beim Rohrschachtest gedeutet und sie dann im häuslichen Fotostudio feingetunt. In den Florida Keys finden wir ein sich im Sprung streckendes Pferd mit Reiter. Anderswo gibt es Profile von Köpfen und Körpern, oder einfach nur schöne Ansichten, wie die des kreisrunden Inselsatelliten von Gran Canaria.
Vielleicht hat die Beschränkung auf das Kontemplative damit zu tun, dass Winers in Buenos Aires einen Lehrstuhl für politische Philosophie innehat. Seine erstmals überhaupt gezeigten Monster sind eine Art Ausreißer auf der Landschaftsbilderschau »World of Wonders« im Fotografie Forum Frankfurt (FFF). Sieben weitere Künstler stellen hier aus, keiner darunter, der nicht die Umwelt respektive deren Zerstörung mit der Kamera anvisiert.
Olaf Otto Becker etwa expediert über Wochen und Monate in weithin unberührte Eisregionen etwa von Grönland und lichtet dort schmelzende Gletscher, auseinanderbrechende Eismassen als sichtbare Spuren der zivilisatorischen Besitznahme ab. Betäubende Bilder, deren Wirkung sich allein in unseren längst geeichten Köpfen entlädt. Die Bildertitel kommen buchhalterisch sachlich daher: »Position 07, Grönland Icecap, Melting area Altitude 773 Meter 2007-2008«.   
Ob Becker uns – Ästhetik hin, Ästhetik her – wirklich mehr vor Augen führt, als wir wissen oder wissen könnten, wenn wir wollten? Wesentlich aussagekräftiger, wie ein Manifest des Menschlichen, scheint Brad Temkins kleine Serie »Rooftop«, die in Chicago der Begrünung der Dachlandschaften folgt. Das ist gar nicht so weit entfernt, von dem, was Janelle Lynch in ihrer Werkgruppe »Akna« zeigt, ein Höhepunkt der Schau. Die in den mexikanischen Chiapas fotografierten Baumstümpfe lassen gewaltsame Verletzungen und Amputationen assoziieren, bevor der Blick auf das aus ihnen entstehende neue Leben fällt. Ihre Aufnahmen hat Lynch mit den Vornamen von Menschen betitelt, die ihr wichtig sind. Akna ist der Name der Fruchtbarkeitsgöttin der Mayas,
Einen befremdenden Blick auf die Ökologie wirft Yamey Stillings, der in Schwarz und Weiß die fortschreitenden Errichtung der riesigen Solaranlage »Ivanpah Solar« in der kalifornischen Mojawe-Wüste aus der Vogelperspektive dokumentiert, die für 140.000 US-Haushalte Strom produziert. Wie das wohl für eine Millionenmetropole aussähe? Das Langzeitprojekt »Revier« hält das Verschwinden von Dörfern und ganzen Landschaften durch den Braunkohletagebau bei Garzweiler zwischen Köln und Aachen fest. Die Energiegewinnung hat auch der südkoreanische Videokünstler Han Sunpil im Visier, wenn er im Zeitraffer der Entstehung und Verschmelzung von Wolken über einem französischen Atomkraftwerk folgt. Auf Landschaftsveränderung im Kleinen hat sich der Mexikaner Alejandro Duran kapriziert. Für sein Projekt »Washed Up. Transforming a Trashes Landscape« hat er in öffentlichen Aktionen Wohlstandsmüll gesammelt und der Umgebung eingepasst. Hunderte von bunten Zahnbürsten muten mit ihren verbrauchten Borsten wie ein Beet von Blumensetzlingen an. Das kategorisieren wir dann mal unter »nette Idee«.

Lorenz Gatt (Foto: © Brad Temkin)
Bis 11. September: Di. – Sa. 11 – 18 Uhr, Mi. bis 20 Uhr
www.fffrankfurt.org

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