Filme im Schloss und das Internationale Trickfilm-Wochenende

Besonders Wertvolles im Wohnzimmer

Ein Geheimtipp? Vielleicht. Dieses Kino mit Wohnzimmeratmosphäre dürfte auf jeden Fall das ungewöhnlichste im Rhein-Main-Gebiet sein. Viele Kinogänger kennen es überhaupt nicht, einige haben davon gehört, dort aber noch nie einen Film gesehen. Das könnte sich jetzt ändern.

Die Lage ist wunderschön. Wenn wir an einem warmen Tag zu einer Vorstellung nach Wiesbaden fahren, setzen wir uns zuvor an den Rhein und schauen auf die Kähne, die langsam vorbeituckern. Dann geht es in den Ostflügel des Biebricher Schlosses, in den Vorführsaal der Filmbewertungsstelle, heute Deutsche Film- und Medienbewertung (die Abkürzung FBW ist geblieben), wo tagsüber die Prädikate »wertvoll« und »besonders wertvoll« vergeben werden. Seit 1984 zeigt der Filmemacher und Filmkritiker Joachim Kreck dort Filme. Begonnen hat er unter dem Motto »Made in Wiesbaden« mit einheimischen Kurzfilmen, darunter Beiträge von fünf Wiesbadener Bundesfilmpreisträgern. Er habe gedacht, da bringen die Leute ihre Bekannten mit, wenn es Film aus der Stadt zu sehen gebe, sagt der Organisator heute. In der Regel zweimal im Monat, abwechselnd dienstags und freitags, laden er, seine Frau, die ehemaligen Dramaturgin Detelina Grigorova-Kreck, und der Kulturamtsmitarbeiter Michael Fechner zu sehenswerten Filmen ein. Alle Genres sind vertreten: Spiel-, Dokumentar-, Experimental- und Trickfilme, selbstverständlich in der Originalversion und manchmal in Reihen wie »Clint Eastwood«, »Verkannte Filme« oder »Kultfilme«. Ein besonderer Schwerpunkt sind für den Jazz-Fan Kreck Musikfilme, die nirgendwo sonst in der Region gezeigt werden, also echte Erstaufführungen.
Ein besonders wertvolles Programm der Filme im Schloss ist das »Internationale Trickfilm-Wochenende Wiesbaden«, das seit 1999 jährlich in der zweiten Oktoberhälfte stattfindet. Es ist neben dem in Stuttgart das einzige Filmfestival in Deutschland, das ausschließlich dem Trickfilm gewidmet ist. Das Festival präsentiert auch in diesem Oktober eine Auswahl der besten aktuellen Animationsfilme aus aller Welt sowie eine Werkschau und Retrospektive. Unter dem Titel »Best of International Animation 2015/2016« laufen in vier Programmen 51 Beiträge, darunter 20 in deutscher Erstaufführung. Zwei Publikumspreise sind ausgeschrieben. »Young Animation« heißt ein Programm mit einer Auswahl von 18 bemerkenswerten Diplom- und Studentenfilmen aus aller Welt, davon zehn in deutscher Erstaufführung (Fr., 28.10., um 17.30 Uhr). Das Programm »Tricks for Kids« wendet sich am Sa., 29.10., um 16 Uhr (Wdh. 30.10., 11.15 Uhr) an die Kleinen, die nach wie vor das begeisterungsfähigste Trickfilm-Publikum stellen. Sonntags präsentiert Prof. Gil Alkabetz um 16 Uhr zehn Kurzfilme aus der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, wo seit 32 Jahren im Bereich Animation ausgebildet wird. Anschließend (18.15 Uhr) sind seine eigenen Produktionen zu sehen, u.a. die Titel- und Tricksequenzen zu »Lola rennt«.
Höhepunkte werden auch in diesem Jahr die Langfilme sein: »Extraordinary Tales« nach Edgar Allen Poe (Fr., 28.10., 22 Uhr) und die lange verschollene Anime-Perle »Belladonna of Sadness« (Sa., 29.10., 22 Uhr).

Claus Wecker
18. Internationales Trickfilmwochenende, 27. bis 30. Oktober im Schloss Biebrich, Wiesbaden
Freunde der Filme im Schloß, Klopstockstr. 12, 65187 Wiesbaden
Tel.: (0611) 84 05 62. Fax: (0611) 80 79 85. E-Mail: info@filme-im-schloss.de
Info: filme-im-schloss.de.

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