Erzählungen des amerikanischen Armeniers William Saroyen

Glückliche Wiederentdeckung

Die »Great Depression« war die große Zeit des William Saroyen. Sie war, wie Richard Kämmerlings in seinem schönen Nachwort schreibt, nicht nur eine Epoche, sie war ein Geisteszustand. Dagegen schrieb der amerikanische Armenier aus Fresno, Kalifornien, zeitlebens an. Das war der Grund seines Erfolges, auch bei uns, in den fünfziger und frühen sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Jetzt wird er wiederentdeckt. Zum Glück.
Saroyan wurde 1908 als Sohn ausgewanderter Armenier in Fresno, Kalifornien, geboren. Sein Vater starb, als William drei Jahre alt war. Seine Geschwister und er mussten für fünf Jahre in ein Waisenhaus, damit die Mutter arbeiten konnte. Als Jugendlicher schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch. Er kannte also das Milieu, das er in seinen »Storys« beschreibt. Unterprivilegierte, diskriminierte Armenier, Mexikaner, Assyrer. Diese Menschen bewältigen irgendwie ihren Alltag, lassen sich nicht unterkriegen, machen das Beste aus ihrer schwierigen Situation oder begegnen ihr mit Gleichmut oder sogar Ironie und Humor. »John Cabral war ein hochgewachsener Mexikaner.« Seine Besitztümer sind: eine Frau, zwei Söhne, drei Töchter, ein lahmer Cousin, vier Hunde, eine Katze, eine Gitarre, eine Schrotflinte, ein altes Pferd, ein alter Wagen »und haufenweise Töpfe und Pfannen«. Was er nicht hat, ist Geld, um die Familie zu ernähren. Er versuch, beim Onkel des Ich-Erzählers, der einen Weinberg hat, als Rebschneider etwas Geld zu verdienen. »Nein, es gibt keine Arbeit«, antwortet der Onkel. »Was bezahlen Sie?«, fragt Juan unbeeindruckt weiter. Die Dialoge, in denen Onkel und Juan aneinander vorbei reden, sind kleine Kabinettstückchen. Schließlich wird der Mexikaner eingestellt, obwohl er in seinem ganzen Leben noch nie eine Rebe beschnitten hatte. Aber auch der Onkel fühlt sich als Sieger: »Ich glaube, dieses Jahr wird ein gutes Jahr.«
»Eines Tages kam ein Mann auf einem Esel in die Stadt.« Es ist ein junger, überraschend reicher Indianer, der Lokomotive heißt. Der Esel wird sofort tot gefahren, also kauft er sich auf den Rat des Jungen hin, dem er zufällig begegnet und den er Willie nennt, einen teuren Packard. Der Junge, der natürlich nicht Autofahren kann, kaum an die Pedale reicht, darf den Indianer herumkutschieren. So plötzlich wie er kam, ist Lokomotive auch wieder verschwunden und dem Jungen dämmert, dass Lokomotive, »der auf einem Esel in die Stadt gekommen war, sich zu Tode langweilte und die Gelegenheit genutzt hatte, sich von einem Kleinstadtjungen unterhalten zu lassen, der sich ebenfalls zu Tode langweilte.« Und beide hatten, zumindest für eine kurze Zeit, das Gefühl, dem Glück begegnet zu sein.
Saroyans Storys sind voller unwahrscheinlicher Situationen und kleiner Wunder, aber auch voller Mitgefühl für die Menschen, von denen er erzählt. In der Titelgeschichte wird einer älteren Frau von heute auf morgen gekündigt. Der 18-jährige Junge, der mit ihr arbeitet, ist empört: »wo ich herkomme, nimmt man einer Lady nicht den Job weg.« Er kündigt, verlässt das Büro, schlendert an einem Motorradgeschäft vorbei und lässt sich das neueste Modell einer Harley-Davidson zeigen. Gegen einen Scheck als Pfand darf er eine Probefahrt machen. Er braust davon, fährt und fährt, von Fresno, mitten im Land, bis an die Pazifikküste. Er vergisst seine missliche Situation: »Ich freute mich zu sehr über die Fahrt bis nach Monterey und zurück«.
Saroyan erzählt von einfachen Menschen, die einmal nach Amerika gekommen waren, um das Glück zu finden, die ihre Hoffnung nie aufgegeben haben, die nach dem Motto leben: Nichts ist unmöglich.

Sigrid Lüdke-Haertel

 

William Saroyen: Wo ich herkomme, sind die Leute freundlich.
Storys. Aus dem amerikanischen Englisch von Nikolaus Stingl.
Mit einem Nachwort von Richard Kämmerlings. dtv, München 2017,203 S., 20,00 €

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