English Theatre bringt Musical »Ghost«
zur deutschen Uraufführung

theater_ghost_c_Martin-Kaufhold-1Geisterstunde mit Soulsister

Fast vier Millionen haben sich in Deutschland »Ghost. Nachricht von Sam«, diesen Mix aus Mystery, Lovestory und Thriller, in den frühen Neunzigern angesehen. Diesen Film über das Phantom des ermordeten BankersSam (Patrick Swayze), der wie alle Toten, die im Leben noch eine Rechnung offen haben, nicht sterben kann. Und der nun seine Freundin Molly (Demi Moore) vor seinem Killer schützen will, was ihm mit Hilfe  diverser »Twilight«-Finessen und der Seherin Oda Mae Brown auch gelingt. Whoopi Goldberg hat für die Rolle des durch und durch schwarz sozialisierten Mediums sogar einen Oscar erhalten. Der Untote aber perlt, nachdem er die Bösen in die Hölle bringt, religionspolitisch korrekt und seifenblasengleich erlöst in den Himmel. Bling.
Ansonsten fällt einem zu »Ghost« noch die denkwürdige Liebesszene mit der hinreißenden Demi Moore an der Töpferscheibe ein, wenn sie zu den sündigen Klängen von »Unchained Melody« ihre geschmeidigen Hände in feuchter Tonerde suhlt, um sich an einem phallischen Etwas zu versuchen, das dann weich und verboten in sich zusammenfällt. Der Dirty Dancer Swayze ist in dieser abgründigen symbolischen Szene noch am Leben, aber kaum mehr als ein Statist.
Man durfte also gespannt sein darauf, wie sich diese filmischen Fingerübungen nebst all den Geisterspielen live auf die Bühne des English Theatre übertragen lassen, das die international längst etablierten Musical-Version von »Ghost« nun in Deutschland uraufgeführt hat. Und siehe da, der britische Regisseur Adam Penford hat für die Zaubereien einen Special-Effect-Spezialisten (Duncan McLean) engagiert, der in jedem Sinne für Bewegung auf der Bühne sorgt. Bücher, die ganz von allein aus dem Regal fallen, Taschen, die sich von selbst öffnen, oder eine U-Bahn, die über die Bühne rauscht – und manches mehr. Die Töpferszene aber wird eher beiläufig zitiert, und das ist ohne filmische Close-ups auch gut so. Es wird nicht gegeizt mit optischen Überraschungen, aber auch nicht geklotzt zu Lasten des Spiels.
Und Spielen wird – neben dem Gesang – groß geschrieben auf der zweistöckigen Bühne, die  mit wenigen modularen Handgriffen vom Yuppie-Loft zum Bank-Office, vom Rückraum für heimliche Seancen zur düsteren Straßenecke in Brooklyn mutiert. Fein choreografierte Tänze und der starke Drive der Live-Band im Off unterstützen die schnellen Szenenfolgen und das ewige Anrennen der Protagonisten gegen die Zeit. Selbst ein Geist kommt da in Stress. Aber es gibt in den Begegnungen von Sam (John Addison) und Molly (Hannah Grover) vor  und nach dem Tod auch Inseln der Entspannung. Immer wieder klingt dann »Unchained Melody« an, was Addison phantastisch singt, ohne in sentimentalen Kitsch abzugleiten. Die wenig spektakulären, aber eingängigen Song-Kompositionen des Eurythmic-Mitglieds Dave Stewart scheinen sich der Leitmelodie willig unterzuordnen.
Dafür aber ist die Frankfurter Oda Mae eine Sensation. Die Kenianerin Claudia Kariuki, deren Engagement aufgrund fehlender Arbeitserlaubnis für Deutschland gar in Frage stand, legt hier schauspielerisch, aber auch gesanglich ein derartiges Brett auf das Parkett, das fast jeder ihrer Auftritte in brausendem Beifall mündete. Zum Schreien schräg und laut auf den Beinen, doch mit Soul in der Stimme hat Kariukis Oda Mae Brown nicht nur Whoopi Goldberg, sondern auch Aretha Franklin oder wenigstens Tina Turner im Gepäck. Und sie belegt mit ihren zwölf jungen Bühnenkollegen an diesem perfekten Abend, was für ein sprudelnder Talentbrunnen das Künstler-Dorado London ist.

Winnie Geipert
Bis 29. März 2015: Di. bis Sa. 19.30, So. und Feiertage 18 Uhr
www.english-theatre.de

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