Die wahre Handtasche des Mannes (63)

… ist die Hose mit ihren Taschen. Gemeint ist jetzt weniger jene Hosentasche, in der zum Gefeixe der Jungs und zum Gekichere der Mädchen mein früherer Erdkundelehrer (ja, ja, lang ist’s her) seine Hand versenkte und dem Glockenspiel frönte. Nein, die Rede ist ganz allgemein von den Hosentaschen, in denen wir schon als Jungs das eine oder andere Schmuck- bzw. Fundstück aufbewahrten: Die legendäre tote Maus, den allgegenwärtigen Bindfaden und natürlich das Taschenmesser. Später kam dann der Flaschenöffner hinzu und noch etwas später das eine oder (je nach erforderlicher Frequenz) andere Kondom. Die Rotzfahne war anfangs natürlich auch noch zu finden, die dann aber später aus hygienischen Gründen durch Tempos ersetzt wurden. Wobei Tempos, wie ich vor Urzeiten schon mal bemeckerte, als Gattungs- und nicht als Markenbegriff gemeint ist. Irgendwann in der Geschichte deutscher Männerhosen reichte die traditionelle Drei-Taschen-Hose (zwei seitlich, eine am Hintern fürs Geld) nicht mehr aus.

Die Amis waren uns in praktischen Dingen ja schon immer voraus, und zusammen mit dem Chewing Gum (statt Zähneputzen) brachten sie der deutschen Nachkriegsjugend die Jeans, die mit stolzen fünf Taschen aufwartete, wenn man denn jene kleine Schlüsseltasche am Eingang des rechten Einschubs mitzählt. Zumindest aber waren alle Taschen durch die angebrachten Nieten (wer erinnert sich nicht sehnsüchtig an das Gejammere der Kriegseltern, dass wir nun alle mit undeutschen Nietenhosen rumlaufen) deutlich stabiler und zur Aufbewahrung von ebenso deutlich mehr Utensilien geeignet. Dennoch: Selbst mit dieser Anzahl fassungsträchtiger Hosentaschen war keine Konkurrenz zu den unergründlichen Frauenhandtaschen möglich. Ein solches Wühlen wie in eben diesen Taschen würde bei Männerhosen stark an den oben erwähnten Erdkundelehrer erinnern. Kurzfristig also wurde das Handgelenktäschlein für den Herren erfunden, das aber nur mäßig durchschlagenden Erfolg hatte.

Ja, und dann kamen sie auf den Markt: die Funktionshosen. Zuerst im Carpenter-Style mit zwei zusätzlichen, ans Hosenbein angehefteten tiefen Taschen, in den nun die typischen Männerutensilien wie Hammer, Schraubenzieher und Zahnstocher ihren Platz fanden. Aber schon hier deutete sich an, wovon Frauen schon lange ein Lied singen konnten: wo zum Teufel befand sich was. Die Handtasche ließ sich ja noch auf den Kopf stellen und ausleeren, bei den Hosen mit den nunmehr sieben Taschen war das ja nicht gut möglich, aber immerhin noch überschaubar. Ich allerdings habe jetzt die ultimative Männerhose erstanden. Für meinen Urlaub in heißen new-mexicanischen Gefilden erstand ich beim Markendiscounter Tjmax eine Shorts mit, sage und schreibe, ZEHN Taschen – ein Männertraum ging in Erfüllung! Und das auf kleinstem Raum.

Was für ein Hochgefühl, nun jede Tasche organisatorisch richtig füllen zu können. Jedes Teil an seinem Platz, in seiner eigenen Tasche. Nie wieder suchen. Denkste! Die mitreisende Gattin hatte noch nie vorher so oft an mir und meinen Taschen rumgefummelt, um mir bei meinen hilfesuchenden Schreien: »Wo hab ich den Haustürschlüssel? Wo ist die kleine Taschenkamera? Wo hab ich den Autoschlüssel hin. Den Geldbeutel?« – ach nee, der steckte ganz traditionell wie eh und je in der rechten Arschtasche. Aber alles andere war kaum noch aufzufinden. Durch sorgsames Abklopfen wie beim Sicherheitscheck wurde zumindest der Haustürschlüssel wieder ertastet. Mittlerweile habe ich allerdings ein System entwickelt, nach dem ich sogar meinen Reisepass wieder gefunden habe. Meiner Rückkehr in die Welt der Fünf-Taschen-Hosen steht also nichts mehr im Wege.

Jochen Vielhauer

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