Die Schmiere feiert mit »Für Menschen und Rindvieh« das 65-Jährige

Mit brutalstmöglichem Witz in die Fünfziger

Zu den Ereignissen, die am 9. September 1950 in der Frankfurter Zeitung, Vorgängerin der FAZ, kolportiert wurden, gehört der Auftritt des Elefanten Tuffi aus dem Zirkus Althoff im Rhein-Main-Gebiet. Der Dickhäuter wurde berühmt, als er während einer Werbeaufnahme für den Zirkus Althoff aus der Wuppertaler Schwebebahn in die Wupper stürzte und dies ohne weitere Blessuren überstand. Irgendwie witzig. Nein? Okay.
Ist auch nicht weiter wichtig. Tuffi taucht in einem der ersten Beiträge des neuen Schmiere-Programms »Für Menschen und Rindviecher… keine Rente mit 65« unter den Nachrichten jenes denkwürdigen Tages auf, an dem das selbst erkorene »schlechteste Theater der Welt« seine erste Vorstellung gab. Eine der »Sternstunden der Menschheit« zweifelsohne, nur zu spät für Stefan Zweig. 65 Jahre ist das her, mehr als 15.000 Vorstellungen gab es seither. Grund genug für die Kabarettbühne zum halbrunden Jubiläum ihren Gründer Rudolf Rolfs und seinen notorisch schlechtgelaunten Partner Reno (Regnauld) Nonsens zu würdigen und den Witz der Nachkriegsjahre und des deutschen Wirtschaftswunders (zu sehen sind Sketche der 50er und 60er Jahre) unter dem Titelmotto des ersten Programms wieder aufleben lässt. Ein Witz, dem man sich freilich mit dem Staubwedel genähert hat, auch wenn manche ihrer Themen wie Flüchtlinge, der Kalte Krieg und der Nationalismus in unseren Tagen ein Revival erleben.
Von Null auf Hundert, das dauert auch bei dem frisch frisierten Kabarett-Oldtimer, der mit Sketchen zur Frauengold-Werbung als ›running gag‹ herrlich aufgemotzt wird, ein Weilchen. Die Original-Zitate aus der Kirchenbroschüre »Verliebt, verlobt …«, dagegen – naja, sie sind so schlimm, wie man‘s fürchtet und machen ein wenig ratlos. Auf Hochtouren kommt das Ensemble mit der Gründertochter Effi B. Rolfs, Susanne Berg, Christina Wiederhold und Matthias Stich so richtig nach der Pause, wenn mit gepflegtem deutschem Untertanengeist und sauberen Laken der Feind im Warschauer Pakt fixiert wird.
Ein anderer populärer Pakt, der des Mephistopheles, setzt der Schau in einer schrägen Neuinterpretation des Faust die Goethe-Krone auf. Mit brutalstmöglicher Witzigkeit gelingt es dem Ensemble, ein Maximum vom historischen Charme des alten Kabaretts zu wahren. Das eingespielte Lied »Die Ode an die Regierung«, in dem eine Kinderstimme gängige politische Floskeln durch Wiederholung enttarnt, könnte man immer wieder hören. Es geht einem nicht aus dem Sinn.

gt (Foto: © Anja Skazel)
Termine: 8., 20., 27. November, jeweils 20 Uhr
www.die-schmiere.de

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