Der Deutsche Krimi Preis 2017 und die »CrimeMag« Top Ten

Die besten Kriminalromane des letzten Jahres

Wenn dieser Text erscheint, habe ich mich vielleicht wieder beruhigt. Aber das war und ist nicht in Ordnung, was die Medien dieses Jahr ab Mitte Januar in Sachen »Deutscher Krimi Preis« gemeldet und verkündet haben:

Börsenblatt: Oliver Bottini wird ausgezeichnet. WAZ: Deutscher Krimipreis für Oliver Bottinis neues Werk. WDR 1: Deutscher Krimipreis geht an Oliver Bottini.
Und so weiter. Und so weiter. Bottini, Bottini. Bottini.
Um es klar zu sagen: Gegen Oliver Bottini und erst recht gegen seinen aktuellen Kriminalroman »Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens« (dumont Verlag) habe ich nicht das Geringste. Aber im Trump-Twitter-Zeitalter muss nicht alleine der Recht haben, der die ersten 140 Zeichen belegt.
Die Statuten sagen klar: Mit dem »Deutschen Krimi Preis« – vergeben in den Kategorien National und International – werden jeweils drei Romane gewürdigt, die »inhaltlich originell und literarisch gekonnt dem Genre neue Impulse verleihen«. Genau das wird konterkarriert durch die medial faulpelzige Zuspitzung auf Oliver Bottini. Die sechs preisgekrönten Kriminalromane sind nämlich allesamt unterschiedlich und zeigen in ihrer Summe die ganze Bandbreite des Genres.
Der älteste und in seiner schwarmintelligenten Weisheit seit mehr als 30 Jahren das Jahresniveau des Genres zuverlässig widerspiegelnde Preis für Kriminalliteratur hat 24 Jurymitglieder: Kritiker, Buchhändler, Literaturwissenschaftler. Das Feld der vorderen Plätze setzt sich meist sehr deutlich von den Verfolgern ab. Dieses Jahr waren die Plätze 1 bis 3 bei den nationalen Plätzen, also bei den deutschen Autoren, je nur eine einzige Stimme auseinander – was das alleinige Abheben auf Oliver Bottini noch unsinniger macht. Den Deutschen Krimi Preis gewinnen jedes Jahr insgesamt sechs Autoren. Und wie bei Olympia sind sie alle miteinander Medaillenträger, ihre »Messwerte« liegen nur Bruchteile auseinander. Sie alle dürfen – und sollen! – sich Preisträger »Deutscher Krimi Preis« nennen.

Hier die Ergebnisse:

34. Deutscher Krimi Preis 2018
National:
1. Platz: Bottini: Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens (dumont Verlag)
2. Platz: Monika Geier: Alles so hell da vorn (Ariadne bei Argument)
3. Platz: Andreas Pflüger: Niemals  (Suhrkamp)
International:
1. Platz: John le Carré: Das Vermächtnis der Spione (A Legacy of Spies), deutsch von Peter Torberg (Ullstein)
2. Platz: Viet Thanh Nguyen: Der Sympathisant (The Sympathizer), deutsch von Wolfgang Müller (Blessing)
3. Platz: Jérôme Leroy: Der Block (Le Bloc), deutsch von Cornelia Wend (Nautilus).

»Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens« handelt von einem rumänischen Ermittler, den die Recherchen in dem Mordfall an einer jungen Deutschen nach Mecklenburg führen. Die Jury lobt, dass der Roman von der Wirklichkeit der Globalisierung erzählt, vom Landraub der Agrarkonzerne und ihren verheerenden Wirkungen auf Mensch und Land, von den einschneidenden Veränderungen des Lebens in Europa nach 1989, von menschlichen Verlusten und winzigen Gewinnen, von Trauer und Leid. (Tobias Gohlis)

In Monika Geiers »Alles so hell da vorn« wird in einem heruntergekommenen Bordell mit minderjährigen Mädchen in Frankfurt am Main ein Polizist mit seiner eigenen Dienstwaffe erschossen. Da es sich um einen Kriminalbeamten aus Ludwigshafen handelt, werden mitten in der Nacht die Kollegen aus Rheinland-Pfalz hinzugezogen. Unter ihnen: Bettina Boll – vermutlich im deutschsprachigen Raum die einzige kriminalliterarische Ermittlerin, die halbtags tätig ist. Es ist der siebte Roman von Monika Geier um die leicht chaotische Kommissarin vom Ludwigshafener K11: immer etwas zu spät dran, immer etwas desorganisiert, immer etwas underdressed – aber mit so kluger wie genauer Beobachtungsgabe und messerscharfem Verstand. Sie hat sich ein fast kindliches Staunen bewahrt, das nur wenig als gegeben hinnimmt. (Kirsten Reimers)

Das »Niemals« des Titels von Andreas Pflüger ist das Damoklesschwert der dauerhaften Erblindung, das über der Ausnahmepolizistin Jenny Aaron hängt, seitdem sie in Barcelona bei einer Verfolgungsjagd eine Kugel in den Kopf bekam. Aaron, »gefährlich wie ein Raubtier in freier Wildbahn«, und eine überaus interessante Frauenfigur, gehört zu einer international operierenden Sondereinheit, der »Bad Bank der deutschen Polizei«, nur »Die Abteilung« genannt. Es klingt ein wenig irrsinnig, dass der Verlag den Plot schon auf der Umschlagseite verrät: »Stell dir vor, du erbst zwei Milliarden Dollar – von deinem Todfeind.« Aber es stellt sich heraus, dass das nur der Dosenöffner für eine heftigere Geschichte ist. An den Adrenalingehalt dieses Buches reichen vermutlich nur Rennfahrer- und Bergsteiger-Biografien heran. Doch auch das intellektuelle und literarische Vergnügen ist beträchtlich. Plot und Dialoge funkeln, die Sprache ist straff wie Klavierdraht. Ganz im Sinne Elmore Leonards sind alle überflüssigen Worte gestrichen. Auch international gibt es derzeit niemanden, der Pflüger das Wasser reichen könnte: Spannungsliteratur auf höchstem Niveau, perfekt geschliffen wie der Koh-i-Noor. (Alf Mayer)
John le Carrés »Das Vermächtnis der Spione« knüpft an seine früheren Romane an. 2017 wird George Smileys ehemaliger Assistent Peter Guillam ins Innenministerium einbestellt. Die Kinder der Spione Alec Leamas und Elizabeth Gold (aus »Der Spion, der aus der Kälte kam«) drohen, die Regierung zu verklagen. Unschlagbar ist le Carré immer noch in der Eleganz seiner Dialoge, dem artifiziellen Geheimdienst-Jargon, der ein eigenes sprachliches Universum aufmacht (glänzend getroffen von Peter Torberg) und in der Virtuosität, mit dem jeder Satz drei- und vierfach kodiert ist. Sprache als Desinformation, aber ungemein kommunikativ. (Thomas Wörtche)

Viet Thanh Nguyens »Der Sympathisant« – in den USA mit dem Pulitzer-Preis und mit dem »Edgar« ausgezeichnet – erzählt von einem Mann, der während des endenden Vietnamkrieges Adjutant eines Generals im mit den USA verbündeten Süden ist, tatsächlich aber für »den Vietkong«, also für den kommunistischen Norden als Agent arbeitet. Als die USA sich zurückziehen, flieht dieser Erzähler, Sohn einer Vietnamesin und eines französischen Priesters, in die Staaten – wo seine »heimliche« Arbeit allerdings nicht endet, wo er nicht bloß die Amerikaner, sondern auch die vietnamesischen Exilanten ausspionieren soll. Eine Geschichte, die sich zwar der Strukturen des Spionageromans bedient , aber mindestens ebenso ein autobiografisch geprägter Blick aufs Gelobte Land der Vereinigten Staaten aus Perspektive eines vietnamesischen Einwanderers ist. (Ulrich Noller, WDR)

In Jérôme Leroys »Der Block« toben in ganz Frankreich die Aufstände, die Zahl der Todesopfer steht bei 752 – und der rechte »Block Patriotique« ist kurz davor, die Macht zu übernehmen. Leroy erzählt mit Hilfe zweier Figuren, die auf unterschiedliche Weise den Aufstieg der Rechten in Frankreich illustrieren. … dies voller Intensität und mit einem Engagement, das an die Grenzen des Erträglichen geht. Er sieht sich dabei in der Tradition des sogenannten Neo-Polar, jener französischen Variante des Kriminalromans, die sich als zeitgemäße Form sozialer Literatur mit linker Prägung versteht. (Günther Grosser, Berliner Zeitung)

Und noch mehr Lektüre-Empfehlung: Das Online-Magazin CrimeMag, das einzig ernstzunehmende Magazin für Kriminalliteratur in Deutschland, fragte 20 Kritiker/innen nach den »CrimeMag Top Ten 2017«.

Hier das Ergebnis:
1. Gary Victor: Suff und Sühne (Litradukt)
2. Lisa Sandlin: Ein Job für Delpha (Suhrkamp)
3. Zoë Beck: Die Lieferantin (Suhrkamp)
4. Max Annas: Illegal (Rowohlt)
5. John le Carré: Das Vermächtnis der Spione (Ullstein)
6. Viet Than Nguyen: Der Sympathisant (Blessing)
7. Oliver Bottini: Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens (Dumont)
8. Simone Buchholz: Beton Rouge (Suhrkamp)
9. Tom Franklin: Smonk (Pulp Master)
10. Andreas Pflüger: Niemals (Suhrkamp)
Denis Johnson: Die lachenden Ungeheuer (Rowhlt)
Dave Zseltserman: Small Crimes (Pulp Master)

www.deutscher-krimipreis.de
www.culturmag.de

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