»Das Versprechen« von Friedrich Dürrenmatt

Das Versprechen (Foto: Birgit Hupfeld)Zwei Spuren im Schnee

Schauspiel Frankfurt zeigt »Das Versprechen« von Friedrich Dürrenmatt

Leise rieselt der Schnee in den Kammerspielen. Und auf der zugeflockten, weißen Schräge, die einen Schweizer Berghang darstellt, trägt ein Mann im schwarzen Anzug ein lebloses Mädchen über der Schulter. Albert Schrott heißt der Kindsmörder, der im legendären Film »Es geschah am helllichten Tag«, von Gert Fröbe gespielt, dem schlauen Kommissar Matthäi (seinerzeit Heinz Rühmann) durch die Entschlüsselung einer Kinderzeichnung in eine ausgetüftelte Falle geht. Und der in der späteren Romanfassung »Das Versprechen« dem vom Schicksal verhöhnten kriminalistischen Genius durch einen tödlichen Unfall entgeht, ohne dass dieser jemals davon erfährt.
Friedrich Dürrenmatt hat aus seinem Filmdrehbuch nur die Handlung  übernommen und den ihm zu trivialen Krimi-Plot in eine dunkle und komplexe Profilstudie verkehrt, in deren Zentrum der soziale Absturz des eher ehrgeizigen Einzelgängers Matthäi rückt, der einen schnell überführten Hausierer auch nach dessen Selbstmord für unschuldig hält. Sein kriminalistischer Instinkt und das Versprechen an die Eltern der ermordeten Gritli, den Täter unbedingt zu finden, machen ihn zum besessenen gesellschaftlichen Außenseiter.
Dass der Autor von »Die Physiker« und »Des Teufels General« nicht die Dramenform wählte, scheint den Theaterregisseuren inzwischen kein Verdikt mehr, sondern ein Anreiz zu sein. In Frankfurt gibt nun Markus Bothe (»Ein Sommernachtstraum«, »Die Physiker«) mit einer eigenen Textbearbeitung der Versuchung nach und präsentiert uns – wie erwähnt und anders als Dürrenmatt – den dreifachen Mädchenmörder (Viktor Tremmel) gleich zu Beginn. Während Matthäi (Torben Kessler) erst mit den Kollegen und dann allein auf die Spurensuche geht, erfahren wir in szenischen Einschüben auch von der sexuell verqueren Zweckehe des von Komplexen überladenen Chauffeurs Albert mit seiner um 30 Jahre älteren verwitweten Herrin, die obendrein an den Rollstuhl gefesselt ist. Wie zwei Skispuren im Schnee rasen in diesem Parallelogramm die Karrieren des krankhaften Jägers und des gejagten Kranken aufeinander zu – um sich dann doch zu verfehlen.
Das ist – versprochen – von hohem Unterhaltungswert, kann Bothe doch auf prima Schauspieler (außerdem: Gabi Pochert, Lisa Stiegler, Christoph Pütthoff, Till Weinheimer) und eine schöne Bühnenidee (Alexandre Corazzola) bauen: Gritlis Zeichnung vom Zauberer erstreckt sich über die gesamte zugeschneite Schräge und wird von Matthäi allmählich freigeschaufelt. Den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen dennoch die erstaunlich souveränen Kinderdarsteller und der glockenklare liebliche Gesang, mit dem sie nach der Melodie von »Dem Spender sei ein Trullala«, das Lied vom Mariechen singen und von dem »Messerlein, Messerlein, Messerlein«, das ihr »ins Herz hinein, Herz hinein, Herz hinein« stach.

Winnie Geipert
Termine: 25., 30. November, 20 Uhr
Info: www.schauspielfrankfurt.de

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