Das Murnau Filmtheater in Wiesbaden

Um sich zu profilieren, haben sich viele Kinos auf besondere Programme spezialisiert. Das Kino, das diesmal in unserer Reihe vorgestellt wird, hat sogar einen besonderen Auftrag.

Ein Haus für den Film

Sebastian Schnurr

Friedrich Wilhelm Murnau – der Name des Regisseurs von »Nosferatu« und »Faust« verpflichtet. Nicht zufällig bekam die Stiftung, die das deutsche Filmerbe verwaltet, seinen Namen. Unter der Leitung von Ernst Szebedits verweist man hier auf eine große Tradition. Um diese zu pflegen, hat die Murnau-Stiftung das Deutsche Filmhaus am Wiesbadener Hauptbahnhof gebaut und im Jahr 2009 eröffnet. Es ist als ein filmkulturelles Zentrum konzipiert, nicht nur für die eigene Verwaltung, sondern auch für die Freiwillige Selbstkontrolle (FSK), die für die Altersfreigaben zuständig ist, für das ZDF-Landesstudio Hessen und andere Firmen und Institutionen der Film- und Medienbranche. Kern- und Herzstück des Anwesens – alle Bewohner des Hauses mögen es verzeihen – ist aber das Murnau Filmtheater.
Von außen mutet der Bau vor dem Verwaltungsgebäude futuristisch an, innen besticht das Kino mit einer Technik für alle gängigen Formate – die deutschen Klassiker laufen auch in originalen 35mm-Kopien durch den Projektor. Kein anderes Kino in Deutschland spielt sie mit solch einer Regelmäßigkeit, von den Stummfilmen über die frühen Tonfilme der Weimarer Republik und die folgenden aus dem Dritten Reich bis zu den Nachkriegsfilmen. In der Regel werden am Wochenende in drei Vorstellungen Filme aus dem Bestand gezeigt, am Mittwoch in einer Nachmittagsvorstellung. Und es sind häufig unverhoffte Entdeckungen zu machen.
Neue Arthouse-Werke runden das Kinoprogramm ab. Bei der Auswahl werden die Filme zu thematischen Reihen verknüpft, jeder läuft unter einer Überschrift. Zu den runden Geburtstagen deutscher Stars werden einige ihrer Auftritte gezeigt – zum hundertsten von Curd Jürgens im Dezember »Königswalzer« (1935) und »Eine kleine Sommermelodie« (1944). Zudem läuft in langjähriger Zusammenarbeit mit dem gegenüber liegenden Kulturzentrum ein »Schlachthof-Film des Monats«, zumeist eine Musik-Doku. Im November gab es den ersten Termin der neuen Reihe »Köstliches Kino«. Gemeinsam mit den Hofköchen aus Wiesbaden werden Filme rund um das Thema Essen gezeigt und dazu kulinarische Leckerbissen angeboten.
»Besonders stolz sind wir, Teil der Wiesbadener Festival-Szene und Spielstätte für goEast, das Krimifilm-Festival und exground zu sein«, sagt Kinoleiter Sebastian Schnurr – und: »Kooperationen mit regionalen und nationalen Partnern liegen uns besonders am Herzen.« Mit den Kinomachern von der Caligari Filmbühne am Marktplatz spricht man sich ab und zeigt erfolgversprechende Werke zuweilen auch in beiden Häusern. Dass manch neuer Film von Regisseur(in) und/oder Darsteller(inne)n vorgestellt wird, gehört selbstverständlich auch zum Konzept. So werden dreimal im Jahr in der »Naturfilm-Nacht« Regisseure zum Gespräch gebeten.
Mittlerweile hat sich das Murnau Filmtheater als Arthouse-Kino in Wiesbaden etabliert. In diesem Jahr bekam es sogar den Hessischen Kinokulturpreis. Doch, um es nochmals zu betonen, der filmhistorische Teil des Programms ist einzigartig in ganz Deutschland und lohnt auch eine Fahrt von Frankfurt nach Wiesbaden.

Claus Wecker
Murnau-Filmtheater, Murnaustr.6 (gegenüber Kulturzentrum Schlachthof), 65189 Wiesbaden, Tel.: 0611/977 08-41
www.murnau-stiftung.de

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