Das Kellertheater spielt »Hauptsache Arbeit«

Kellertheater: Hauptsache Arbeit (Foto: Anja Kühn)Ratten am Ruder

Es ist eine Versicherungsgesellschaft, deren Führung in »Hauptsache Arbeit« die Belegschaft zu einem Betriebsfest auf einem Ausflugsdampfer lädt. Die böse Groteske von Sibylle Berg berichtet von einem Unternehmen, das die Zahl seiner Mitarbeiter gerade halbiert hat und nun die gemeinsame Tour dazu nutzen will, knallhart weiter zu sieben und Personal abzubauen. Ein Motivationstrainer hat sich dazu tolle Wettbewerbe wie das Angsthasenspiel ausgedacht, bei dem man konkurrierende Kollegen mit variierbaren Stromschlägen frei nach Milgram traktieren darf. Ein anderer prämiert die besten Firmentreuegelöbnisse, ein dritter die offenste Beichte von Fehlleistungen mit dem Arbeitsplatzerhalt.

Es gibt aber auch private weibliche Strategien im Kampf um den Job, wie devoter Sex mit dem Chef, der das aber nur kann, wenn er ihr dabei eine Papiertüte überstülpen kann. Im Fokus der um keinen Einfall verlegenen Autorin steht indes nicht der Zynismus der Macht, sondern eine zur Willfährigkeit degenerierte Angestelltenkultur, die in den Drangsalien nur die Fortsetzung ihres alltäglichen Konkurrenzkampfes erlebt.

Wer die Kolumnen der Autorin bei spiegel-online verfolgt, wird ihren zugespitzten Blick auf die ganzheitliche Zurichtung der Menschen unter der Flagge des Neoliberalismus kennen. Und so, wie Berg bei ihren Artikeln stets Höchsttempo geht und riskiert, auch mal aus der Kurve zu fliegen, so kennt auch ihre Bühnenarbeit kein Erbarmen. Einmal mehr stellt sie das menschliche Treiben unter Tierbeobachtung. In »Hauptsache Arbeit« sind es Ratten, die das Bühnengeschehen mit allerlei Fakten aus der schönen neuen Arbeitswelt moderieren. Und nicht nur das: Die Nager sitzen längst an den Schalthebeln der Macht, der Motivationsguru selbst trägt einen Rattenschwanz. Gut ausgehen kann so etwas nicht.

Auf der mit einer Reling als Befehlsstand ausgestatteten Bühne (Maren Luedecke) stemmt Regisseurin Bettina Sachs das Krawallstück mit einem elfköpfigen Laien-Ensemble. Über die nicht eben dynamische Handlung legt sie eine etwas breit gewordene Collage von schrägen, schrillen Szenen, die dem Betrachter so manchen – beschämenden – Bezug zum eigenen Alltag erlauben dürften.

Doch es geht nicht immer nur irrwitzig makaber oder entwürdigend zu in diesem Stück, sondern auch mal depraviert-romantisch und schön. Die Begegnungen der depressiven trinkenden Kettenraucherin (Nadja Werner) mit dem sich selbstkasteienden Marathonläufer (Tobias Sütterlin) sind das Highlight. Wer der in diesem Tollhaus aufeinander los gelassener Figuren den Überblick sucht, sollte sich an Sven Kube den immer präsenten Motivator halten, der ruhende Pol der Inszenierung.

Winnie Geipert
Termine:
23., 24., 30., 31. August 20.30 Uhr

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