Das English Theatre lehrt uns das Schaudern und startet mit »Pygmalion« in die Spielzeit 2017/18

Kidnapper, Psychopathen und Mörderpuppen

Gruselig: »The Monster Within Us« lautet in der Spielzeit 2017/18 das Motto des hiesigen English Theatre. Der von der Musical-Version des Psychothrillers »Jekyll & Hyde« (nach Robert Louis Stevenson) gekrönte neue Spielplan der größten englischsprachigen Bühne des Kontinents heißt mit allem, was das Böse in uns strahlen lässt, willkommen: sadistische Psychopathen, perverse Mörderpuppen, skrupellose Spekulanten und Kidnapper mit terroristischem Hintergrund.
Da dürfte es überraschen, dass der Auftakt zu dieser schaurig sündigen Saison mit Bernard Shaws hintergründiger Komödie »Pygmalion« aus dem Jahre 1913 bestritten wird. Viele verbinden mit der Satire des irischen Autors das Erfolgsmusical »My Fair Lady« und den gleichnamigen Film mit Audrey Hepburn – und übersehen dabei, wie stark das Original dort verändert und weichgespült worden ist. Sein Titel, der im Text kein einziges Mal erwähnt wird, weist auf die zehnte von Ovids »Metamorphosen« (8 v. C.) über den Bildhauer und Frauenhasser Pygmalion, der sich in seine Statue verliebt, die Aphrodite für ihn lebendig werden lässt. Die Idee dazu lieferte Shaw eine zeitgenössische Debatte um den Erziehungsgedanken in Jean-Jacques Rousseaus »Émile«.
Bei Shaw wettet der Phonetiker Henry Higgins, in wenigen Monaten ein Gossenmädchen zu einer Lady machen zu können. Er nimmt sich vor, die Blumenverkäuferin Eliza Dolittle allein mit den Mitteln der Sprache aus ihrer nichtigen Existenz in die höchsten Kreise einzuführen und damit erst zum eigentlichen Leben zu erwecken. Dass es Shaw dabei um mehr als eine seichte Lovestory mit Rain-in-Spain-Zungenübungen ging, liegt auf der Hand .
Unter dem Londoner Regisseur Tom Wright, der erst im April mit »Handbagged« ein derart erfolgreiches Frankfurt-Debut ablieferte, dass English-Theatre-Chef Daniel Nicolai ihn sofort weiterverpflichtete, soll »Pygmalion« nicht als patinabelegter Klassiker der britischen Erbauungsliteratur serviert werden, sondern assoziative Brücken in unsere Gegenwart schlagen, etwa zum Thema der Anpassung durch (Selbst-)Optimierung oder zu Entwürfen künstlicher Intelligenz à la »Ex Machina«. Wie in »Handbagged« wird Tom Wright von der Bühnenbildnerin Hannah Sibai unterstützt, die sich für das Stück am Stil der schottischen Architektenlegende Charles Rennie Mackintosh (1868-1928) orientiert.
Die am 1. September startende Produktion wird im November vom Musical »Jekyll & Hyde« abgelöst, im Frühjahr folgen mit »Hand To God« (Robert Askins) und »Invisible Hand« (Ayad Akhtar) zwei neuere Stücke. Ersteres ist eine Komödie, in der der brave Jason erleben muss, wie seine Handpuppe Tyrone zu seinem bösen Alter Ego wird. Letzteres zeigt wie ein von Terroristen entführter Börsenzocker mit Spekulationsgeschäften sich das Lösegeld verdient. Das gruselige Ende der Spielzeit wird für Schüler und Erwachsene gleichermaßen von George Orwells Schweinen aus der »Animal Farm« besorgt.

Winnie Geipert (Foto: © English Theatre)
Ab 1. September: Di.–Sa. 19.30 Uhr, So. 18 Uhr
www.english-theatre.org

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