DAM: Wie Archigram und Future Systems die »Zukunft von Gestern« bauten

Swinging London auf Rädern

Eine Kuppel in doppelter Höhe des Empire-State-Building sollte weite Teile Manhattans vor allen Widrigkeiten des Wetters wie auch vor radioaktivem Fall-out schützen. Das Schaubild des 1961 gefertigten Entwurfs des US-amerikanischen Architekten Richard Buckminster Fuller drückt die von der Weltraumforschung befeuerte Ideologie grenzenloser technischer Machbarkeit ebenso aus, wie die allgegenwärtige Drohung eines atomaren Konflikts in der heißesten Phase des Kalten Kriegs. Für die Ausstellung »Zukunft von Gestern« des Deutschen Architekturmuseum manifestiert sich in dieser Ansicht das geistige Klima, aus dem mit der der Pop- und Protestkultur auch die Londoner Architektengruppe »archigram« entstand, die 1961 gegründet wurde.
Dem Schaffen dieser jungen Architekten folgt der erste Teil der neuen Schau im DAM. Der zweite stellt Arbeiten des Büros »Future Systems« vor, das – 1979 von Jan Kaplicky ebenfalls in London gegründet – in die Archigram-Fußstapfen tritt, gleichwohl mit eigenem Profil. Gemeinsam kann man sie als Utopisten der Moderne bezeichnen. Es ist indes kaum ein Zufall, dass die meisten der insgesamt etwa 80 in Zeichnungen, Modellen, auf Bildern und Grafiken vorgestellten Projekte den Zustand des Entwurfs nie hinter sich ließen. Schon der aus »architecture« und »telegram« gebildete Name »archigram« drückt das Selbstverständnis einer primär ideellen Plattform aus.
Die recht übersichtliche Schau lädt auf poppig hellblauen (archigram) und pinken (future systems) Wänden zum großen Staunen ein. Beispielsweise über das 1964 entwickelte Projekt einer »Walking City« von Warren Chalk und Ron Herron. Ihre Entwürfe stellen bewegliche Stadtkörper für abertausende Menschen vor, die sich überall hin, selbst im Wasser oder ins All denken ließen. Die Londoner Avantgardisten, deren Mitgründer Peter Cook später an der Städel-Schule lehrt (und dort eine Erweiterung baut), dürften mit ihren von Röhren umspannten, amphibienartigen Gebilden manchem Science-Fiction-Filmer eine Steilvorlage geliefert haben.
Eine gleichermaßen irre Idee der Gruppe sind »Instant-Cities«, die der Provinz ganz ohne Reiseaufwand ein schickes Stadtleben zugänglich machen sollen. Schnell erbaut lässt sich für ein paar Wochen mitten auf dem Land ein Citylife-Set aus Shows und Shops, Cafés, Restaurants, aber auch Bildungsangeboten realisieren. Swinging London auf Rädern. Die Urbanizer preisen ihr Produkt mit Bildschnipsel-Collagen aus Werbe-Illus kitschig-ironisch an und wurden im Vorgriff auf Monty Python und »Yellow Submarine« stilbildend.
Jan Kaplicky emigrierte nach dem Prager Frühling in die britische Metropole, wo er unter anderem im Büro von Renzo Piano und Richard Rogers am Siegerentwurf für das Centre Pompidou mitwirkte – dessen Röhrensystem auf Archigram-Modelle verweist. Zu den stets auf Realisierbarkeit und Anwendung angelegten Projekten von Kaplicky mit »future systems« zählen der futuristische Wohnturm »Coexistence«. Gedacht als Antwort auf die wachsenden Flächenprobleme der Städte, ist das Projekt den heute in Dubai, Qatar & Co entstehenden Megatürmen zumindest seelenverwandt. Aktualität ist auch den Entwürfen für aufblasbare Notunterkünfte nicht abzusprechen.
Die bauliche Umsetzung seiner Ideen hat der tschechoslowakische Visionär erst spät erlebt: das kühn geschwungene Medienzentrum einer Cricket-Anlage in London und das mit einem silbernen Balg verkleidete Selfridge-Shoppingzentrum  »The Bull Ring« in Birmingham sind die bekanntesten.  Nicht realisiert wurde sein 1991 erstellter Entwurf für einen Kindergarten in Frankfurt-Sossenheim.

Lorenz Gatt (Foto: © Kaplicky Centre, Prag)
Bis 23. Oktober: Di.–So. 10–18 Uhr, Mi. bis 21 Uhr
 www.dam-online.de

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