Caesar muß sterben (Start: 27.12.2012)

Caesar muss sterbenDie Macht der Kunst

»Caesar muß sterben«

von Paolo und Vittorio Taviani

Die Bühnenszene am Anfang weckt Befürchtungen, daß nun eine arg konventionelle Theaterverfilmung begonnen hat. Darauf sieht man (in Schwarzweiß), wie die Schauspieler hinter Schloß und Riegel gebracht werden. Aha, ein Gefängnisfilm, denkt man. Bis schließlich klar wird: dieser Film mit dem Titel »Caesar muß sterben« ist eine höchst originelle Shakespeare-Adaption der Taviani-Brüder. Auf der letzten Berlinale gab es dafür den Goldenen Bären.

Aufführungen im Rebibbia-Gefängnis gelten in Rom als Geheimtip unter Theaterenthusiasten. Die Tavianis, das neben den Brüdern Lumière und Coen bekannteste Brüderpaar der Filmgeschichte, faßten nach einem Besuch den Plan, einen Film über dieses gleichermaßen soziale wie künstlerische Projekt zu drehen. Es fehlte nur noch das passende Theaterstück.
»Julius Caesar« von William Shakespear war eine gute Wahl der Tavianis. Zum einen, weil das Stück in Rom spielt. Wenn von den »Bürgern Roms« die Rede ist, können sich alle Anwesenden, Mitspieler und Zuschauer, direkt angesprochen fühlen. Zum anderen geht es, wie in allen Shakespeare-Dramen, um die Macht und ihre Verlockungen, um Intrigen und Verrat – also um Themen, zu denen die verurteilten Drogenhändler und Mörder, alle aus dem Hochsicherheitstrakt, ihre spezielle Beziehung haben. Wenn also von »ehrenwerten Männern«, auch ironisch, die Rede ist, liegen die Parallelen zur Mafia auf der Hand.
Wie die klassischen amerikanischen Musicalfilme zeigt der Film zumeist die Proben zur geplanten Aufführung. Doch was im Probenraum beginnt, erstreckt sich bald auf den gesamten Gefängniskomplex. In einer Zelle entschließt sich der Brutus-Darsteller mit seinem Kumpan zu üben. Bald werden die Gänge zum Treffpunkt der Verschwörer, der Gefängnishof wird zum Forum romanum, alle Gefangenen stehen für das römische Volk, wenn sie aus ihren vergitterten Fenstern nach Freiheit rufen. Die Grenzen zwischen Stück und Gefängnisleben sind fließend. Natürlich ist auch der »dokumentarische Teil« des Films inszeniert. Die Gefangenen spielen sich selbst, auch wenn sie nicht gerade den Shakespeare-Text aufsagen. Sie reden sogar in ihren jeweiligen Dialekten, weshalb der Film in der italienischen Originalfassung mit Untertiteln läuft. »Wir haben ein Drehbuch geschrieben, wie wir es bei all unseren Filmen tun«, haben Paolo und Vittorio Taviani gesagt, und doch wirkt alles improvisiert. So lebensnah, so mitreißend hat man Theaterspiel im Film selten gesehen.
Kernige Typen sind die Protagonisten, Kerle, die sich auch Shakespeare vorgestellt haben könnte, als er das Stück verfaßte. Daß sie sich durch die Beschäftigung mit den poetischen Dialogen auch verändert haben und eine neue Sichtweise auf ihre Taten und ihre Situation bekommen, ist ein weiterer Aspekt des Films. »Seit ich der Kunst begegnet bin, ist diese Zelle für mich ein Gefängnis geworden«, heißt es am Schluß. Und wir sehen die Schwerkriminellen und unseren Shakespeare mit anderen Augen.

Claus Wecker
CAESAR MUSS STERBEN
(Cesare deve morire)
von Paolo u. Vittorio Taviani,
I 2012, 76 Min.
mit Fabio Cavalli, Salvatore Striano,
Giovanni Arcuri, Antonio Frasca,
Juan Dario Bonetti, Vincenz Gallo
Shakespeareverfilmung
Start: 27.12.2012

 

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