Bei Anruf – Bankraub!

Theaterbiennale: Politische und andere Stücke aus Europa

Du brauchst den unbedingten Willen dazu. Und du brauchst ein Handy. Schließlich mußt du erreichbar sein, wenn es aufs Ganze geht – allein, in den Straßen von Downtown Wiesbaden. Beim Banküberfall etwa.
Wer sich auf »A Machine to See with« einläßt, erfährt über sein Mobiles von unbekannt, wohin ihn der Weg führt und was oder wen es dabei zu beachten gilt. Und eine ganze Menge über sich selbst.
Das wirre Gefühl, beobachtet zu werden und in einem Thriller mitzuspielen, bleibt nicht aus beim Beitrag des britischen Kollektivs Blast Theory zur Theaterbiennale 2012 »Neue Stücke aus Europa«. Die Selbsterfahrungs-Performance dauert 45 Minuten und startet an acht Nachmittagen für je einen Teilnehmer alle 15 Minuten an der Wartburg.
Elf pralle Tage lang schlägt vom 14. bis zum 24. Juni der Theaterpuls Europas wieder in Wiesbaden und Mainz. Die zehnte Ausgabe des Festivals bringt 54 Aufführungen von 31 Stücken aus 25 europäischen Ländern in neun Spielstätten der Landeshauptstädte. Der Clou: Alle Aufführungen werden via Kopfhörer simultan übersetzt, was zu der frappierenden Erfahrung führt, dass die Aufmerksamkeit sich viel stärker dem gestischen Spiel zuwendet, als das sonst der Fall ist.
In diesem Jahr fällt die Vielzahl von explizit politischen Themen auf, die vor allem aus dem Osten Europas und Ex-Jugoslawien kommen: Im mehrfach ausgezeichneten »Hypermnesie« von Selma Spahic (Bosnien-Herzegowina) und in »Unsere Klasse« des Polen Tadeusz Slobodzianek schlüsseln Biographien erlebte Landesgeschichte auf. Der slowenische Beitrag »Verdammt sei der Verräter seiner Heimat« (Oliver Frljic) demonstriert mit diesem Zitat der obsoleten Nationalhymne des alten Jugoslawiens die Absurdität des Nationalismus. »DNA« Georgos Neophytou geht den Pogromen im Zypernkonflikt von 1974 nach, das Musik, Video, Tanz und Spiel vereinende »The Blue Boy« von Brokentalkers dem Kindesmißbrauch in der katholischen Kirche in Irland. Und in »Schöne Dinge sind auf unserer Seite« (Berkun Oya) zeitigt das Treffen zweier Paare aus Istanbul und Anatolien Erstaunliches.
Mit »Immer noch Sturm« von Peter Handke kommt eine aktuelle Inszenierung des Thalia-Theaters mit Jens Harzer nach Wiesbaden, die ›nolens volens‹ ebenso zu den Rennern gehört wie der lettische Beitrag »Schwarze Milch« des Starregisseurs Alvis Hermanis. Was den erstmals ausgeschriebenen Publikumspreis angeht, tippen wir auf »Mörder« von Alexander Moltschanow aus Moskau. Die Satire findet der Mainzer Hausautor Philipp Löhle so »frech und politisch inkorrekt«, daß er sie in der nächsten Spielzeit selbst inszeniert.

gt
 Alles zu allem rund um die Theaterbiennale 2012 wie natürlich auch den Vorverkauf gibt es unter www.newplays.de

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