Ausblick Schauspiel Frankfurt: Mikeska inszeniert »Die Netzwelt«

Großes Kino im dunklen Reich der Triebe

Ziemlich einfallslos mutet der deutsche Titel des Theaterstücks von Jennifer Haley an: »Die Netzwelt«  ist ein nichtssagendes Abstraktum gegenüber dem aufgeladenen originären »The Nether«. Der englische Begriff weist über das Wortspiel mit Net und Ether (Äther) hinaus auf ein fast mystisches Unten, das umgangssprachlich vor allem im engen Kontext zur Unterwelt, der Hölle, wie auch dem Genitalbereich verwendet wird. Und somit in jenen Bewusstseins- und Körperzonen siedelt, die das in den USA gefeierte beunruhigende Stück verhandelt: unterdrückte Triebe, verdrängte Wünsche und was sich sonst so Verbotenes im »Es« tummelt. Das in den Kammerspielen anstehende Theater ist Krimi, Psychothriller, Science-Fiction und so etwas wie eine konkrete Dystopie.
Jennifer Haley hat in »Die Netzwelt« unser Leben in eine nicht allzu ferne Zukunft gedacht. Die Umwelt scheint hin, es gibt Bäume nur noch in der Erinnerung, und das Internet ist zur zentralen Institution geworden, über die sich die Gesellschaft von Grund auf organisiert. Hier geht man in die Schule, kauft man ein und arbeitet man. Doch nicht nur die Durchdringung des Alltags durch das Web ist fortgeschritten, auch der Ausbau virtueller Ersatzwelten à la Second Life hat sich perfektioniert. Das »Refugium« ist ein solcher Ort, der es Menschen erlaubt, sich mit allen Sinnen in eine virtuelle Existenz zu flüchten. Ein mittelständischer Betrieb oder Club, der den allgegenwärtigen Mister Sims zum Eigentümer und Lenker hat.
Wer es sich leisten kann, lässt in der Realwelt nur noch seine materielle Hülle, hier »seinen Schatten« zur Wartung zurück, während sein Avatar seine tiefsten Gefühle und Neigungen entdeckt und diesen frönt. Besonders jene, die durch Erziehung und Moral ins Unbewusste verbannt und verdrängt worden sind: wie Sex mit Kindern und Tieren, sadistische, aber auch masochistische Lüste bis zu der Tötung von Menschen, wenn auch nicht in echt. Für den hier von der Polizistin Detective Morris verkörperten Staat geht es darum, Recht und Ordnung auch in einer virtuellen Welt zu wahren. Morris klagt Sims der übelsten Verbrechen vom Kindermissbrauch bis zum Mord an und konfrontiert ihn mit undercover gewonnenen Einsichten, während der Beschuldigte auf das bedingungslose Glückserleben und bloße virtuelle Existenz des Erlebens pocht. Täter- wie Opfer-Avatare seines Refugiums seien freiwillig gewählte Rollen mündiger erwachsener Menschen. Zwischen den dialoggewaltigen Verhören im Präsidium und irreal daherkommenden Einblendungen aus dem in puppenhaftes Ambiente gebetteten Reich der Sinne eskaliert die dramatisch endende Handlung.
Mit Bernhard Mikeska hat das Schauspiel einen Regisseur beauftragt, der das Spiel mit der Identität zu seinem Markenzeichen gemacht hat und das Publikum seiner spektakulären Frankfurter Arbeiten (»Remake::Rosemarie, Je t‘aime::je t’aime; Making of::Marylin«) mit Kopfhörern auf die Reise schickte, bisweilen sogar zu Fuß in Häusern und Installationen. Auf das Utensil werden Mikeska und seine Stammdramaturgin Alexandra Althoff dieses Mal aber ebenso verzichten wie auf die Mobilität der Besucher. Trotzdem baue die Inszenierung der Wechsel zwischen realer und Sehnsuchtsexistenz auf die suggestive Macht der Akustik, kündigt der promovierte Physiker Mikeska einen »verstörendes Kopfkino« mit ausgefeilter Soundinstallation (Tobias Vethage) an.
Die Autorin lote in ihrem sehr diffizilen Stück nicht nur das psychisch-moralische Vakuum der Befriedigung von dunklen, nicht gesellschaftsfähigen Lüsten aus, sondern stelle auch die Kontrolle einer sich immer mehr verselbständigenden Netzwelt zur Diskussion. Schon heute laufe das Geschäft mit der Kinderpornographie über Kanäle (Dark Net), auf die es für die Polizei kaum mehr Zugang gebe, betonen die Theatermacher. Spätestens seit Winnenden, so ist dem anzufügen, wird in Deutschland auch diskutiert, inwieweit in die Netzwelt tauchende Warrior-Avatare die Persönlichkeit ihrer Schöpfer in der Realwelt verändern können.
Paula Hans in der Rolle der Inspektorin und Thomas Huber als ihr Gegenspieler sind die Protagonisten dieses Fünf-Personen-Stücks. Viktor Tremmel und Peter Schröder geben den Avatar Woodnut und den User Doyle. Die zentrale Rolle der minderjährigen Iris ist mit Alexandra Lukas aus der Abschlussklasse der Akademie für Darstellende Kunst Ludwigsburg besetzt. Sie wird zum  nächsten Jahrgang des Frankfurter Schauspielstudios gehören.

Winnie Geipert (Foto: Bernhard Mikeska, © Harald Schröder)
Termine: 11. (Premiere), 12., 19. März, 20 Uhr; 2o. März, 18 Uhr
www.schauspielfrankfurt.de

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