Ausblick Schauspiel Frankfurt Box: »Das Fräulein Julie«

Auf die Schmerzpunkte

Einen Stoff aus dem 19. Jahrhundert hat Daniel Foerster für sein Debüt im Frankfurter Regie-Studio gesucht. Der 29-jährige Göttinger, der in den nächsten zwei Spielzeiten – wie seine Mit-Studierenden Katrin Plötner (s. »Hin und Her«, Strandgut 10/2015) und Therese Willstedt – in der Nachwuchsschmiede des Schauspiels Frankfurt drei Stücke inszenieren darf, soll und wird, sieht die Epoche der Industrialisierung in Europa als weichenstellend und konstitutiv für den Menschen der Moderne: »Es ist die Zeit unserer Überväter und Übermütter, die uns ihr Erbe mitgegeben haben.«
»Fräulein Julie« von August Strindberg ist für den frischen Absolvent der Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg, die übrigens von Frankfurts Ex-Intendantin Elisabeth Schweger geleitet wird, ein solches prägendes Werk. Die im Liebesakt kulminierende Begegnung der gefühlsberauschten jungen Adligen Julie mit dem ihr unterstehenden Diener Jean in der symbolträchtigen Johannisnacht verkehrt – im Beisein von Jeans alles verschlafender Verlobten Christine – durch den Bruch der Konvention postkoital nicht nur die sozialen, sondern auch die geschlechtlichen Machtverhältnisse. Mit der Folge, dass Julie sich, von Jean unter Druck gesetzt, das Leben nimmt.
Nachgerade »bizarr« findet Foerster, wie der dezidierte Frauenfeind Strindberg das Werk versteht. In seinem ungewöhnlichen, weil das eigene Stück erklärenden Vorwort lasse der mit Nietzsche korrespondierende Schriftsteller erkennen, dass er in Julies Tod den zwingenden Niedergang eines maroden Standes erblickt und in Diener Jean eine Adaption von Nietzsches Über-Menschen. »Als das tragische Scheitern einer jungen emanzipierten Frau an den gesellschaftlichen Verhältnissen kann man das Stück nach diesem Autorenkommentar nicht mehr rezipieren«, findet Daniel Foerster.
Zwei Wochen nach Beginn der Proben – und vier vor der Premiere – will und kann der Regisseur über seine für die Spielstätte Box geplante Umsetzung des Klassikers naturgemäß noch wenig sagen. Klar sei, dass einem Suizid wegen eines Seitensprungs à la Bankertochter mit dem Chauffeur heute die nötige Fallhöhe fehle, um als tragisch gelten zu können. Nicht nur die Klassenfrage, auch den psychologisierenden Zugriff aus der Sozialisation der Figuren – zu dem das Stück reichlich Ansätze bietet – hält Foerster für vernachlässigbar. Ihn interessiere der Versuch, in der Liebe die eigenen Grenzen zu überwinden, die dem erotischen Begehren inhärente Sehnsucht nach der Verschmelzung, mithin die Selbstaufgabe und der Tod. Es gehe hier auch analog zu Penthesilea und Achill um die gegenseitige Zerfleischung.
Foerster will mit dem Ensemble gezielt »auf die Schmerzpunkte« des archaischen Ringens im Geschlechterkonflikt um Macht in Strindbergs Vorlage hinarbeiten und lässt eine »eher »projekthafte« Umsetzung« erwarten, zu der Gedanken von Autoren wie George Bataille oder Judith Butler durchaus beitragen könnten. Auf der Bühne werden der bereits profilierte Frankfurter HfMDK-Schüler Alexej Lachmann als Jean, Katharina Bach als Julie und Verena Bukal als Christine zu sehen sein, wobei letztere sich von ihrem literarischen Vorbild deutlich abheben soll. Die bei Strindberg den Absens des Realitätsprinzips – durch Tiefschlaf – verkörpernde Köchin und Verlobte Jeans sieht Foerster als eine in tiefer Demut verankerte Frau von ungeheurer Selbstkontrolle, der nichts, was da um sie herum passiert, entgehe – und die deshalb auch von nichts, was dann geschieht, verschont bleiben könne. »Entweder gehen alle unter – oder keiner.« Wir werden’s erfahren.

Winnie Geipert (© Jessica Schäfer)
Termine: 20., 22. 28. Dezember, jeweils 20 Uhr
www.schauspiel-frankfurt.de

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