Hard Times (77)

Mein besonderer Freund Martin (»der Mann, der niemals recht hat«) Schulz saß bei der diesjährigen Friedensnobelpreisverleihung in Oslo so deprimiert herum, als wäre ihm alle Hoffnung abhanden gekommen, daß es mit der EU jemals wieder wird. Er war dermaßen kleingläubig, daß es sogar die anwesenden Journalisten erschütterte. Das ist die erste Regung dieses Mannes, der ja sonst nur Beschwörungen und Schönwetterreden draufhat, die mich für ihn einnimmt.

Er scheint endlich zur Kenntnis zu nehmen, was um ihn herum vorgeht: z.B. daß Griechenland selbst dann noch ein Faß ohne Boden ist, wenn man ihm alle Schulden erläßt, daß die Italiener um ein Haar wieder von dem Untoten Berlusconi und seinen Zombies gepeinigt worden wären, daß sich die Rumänen freiwillig der Mafia um Victor Ponta (alles lupenreine Demokraten) ausliefern, daß die Schweden sich zunehmend aus dem allgemeinen Europa-Wirbel herausziehen, daß die antieuropäische Stimmung in England zunimmt, daß die meisten europäischen Staaten pleite sind (Deutschland eingeschlossen), daß das antideutsche Ressentiment in den europäischen Problemländern wächst usw. usf. – daß, mit einem Satz, das Gegenteil von dem eingetreten ist, was die Befürworter des Euro wollten.

Es ist die Idee von den Vereinigten Staaten von Europa, die gerade zu Bruch geht. Wir lernen, daß diese Idee, die schon zu Wohlstandszeiten nicht funktionierte, in Krisenzeiten zu einem nackten »Rette sich wer kann« mutiert, da kann Robert Menasse so viele »Europäische Landboten« schreiben, wie er will und Herr Habermas so viele Predigten halten, wie er kann – dieses von ihnen gestützte beinahe mythische Projekt Europa ist am Ende. Und das – um Herrn Wowereit zu zitieren – ist gut so.

Denn das real existierende Europa könnte sich dadurch von Ballast uneinlösbarer Ansprüche befreien, sich wieder auf das Wesentliche besinnen: den Austausch, Handel und Wandel zu erleichtern, die institutionellen Defizite reduzieren, ein Insolvenzverfahren für bankrotte Staaten erarbeiten, Goldmann-Sachs wegen Beihilfe zum Betrug anklagen, Strukturen verschlanken und vielleicht (zur Not auch ohne Stoiber) Bürokratie abbauen. Ich glaube auch nicht, daß der Euro kaputtgeht, wenn Griechenland (vorübergehend) eine eigene Währung bekommt (oder Italien oder Spanien). – aber es stehen uns harte Zeiten bevor.

Kurt Otterbacher

 

PS: Dann war da der »Gipfel« in Brüssel. Schulz schwamm im Kielwasser von Merkel und plapperte wieder seinen hausbackenen Quatsch. Da war er wieder der alte.

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