»Zeitung für Deutschland« erzählt die Geschichte der FAZ

Pünktlich zu ihrem 70-jährigen Bestehen am 1. November erhält die »Frankfurter Allgemeine Zeitung«, kurz »FAZ« oder »F.A.Z.«, wie sie sich nach dem Vorschlag einer Werbeagentur vor Jahrzehnten immer noch nennt, ein Geschichtsbuch als Geburtstagsgeschenk.
Wie es sich für diese Tageszeitung gehört, die immer aus der Konkurrenz hervorstechen wollte, ist der umfangreiche Band auch ein sehr informativer Beitrag zur bundesrepublikanischen Geschichte geworden. Denn die »Frankfurter Allgemeine« ist bis heute laut ihrem Untertitel eine »Zeitung für Deutschland«.
Diese Unterzeile hat der Autor Peter Hoeres, ein Professor für Neueste Geschichte an der Universität Würzburg, auch als Titel für seine Arbeit gewählt. Den reklamiere die Zeitung aus zwei Gründen zu Recht, schreibt er, denn sie habe einerseits immer an der deutschen Einheit festgehalten und werde andererseits, nicht zuletzt als Folge ihres weiten internationalen Korrespondentennetzes, im Ausland für eine maßgebliche deutsche Stimme gehalten.
Interessant ist bereits ihre Gründungsgeschichte als Nachfolgerin der »Frankfurter Zeitung«, die von den Nazis nach mehrjähriger Duldung ihres liberalen Kurses im Zweiten Weltkrieg verboten wurde. Schnell ist man als Leser mittendrin in der Nachkriegszeit, als die Alliierten noch Lizenzen für deutsche Publikationen erteilten. Erst mit der Auflösung dieser Lizenzierungspflicht legte Erich Welter los. Man erfährt ausführlich, was es mit ihm, der 1982 verstorben ist und bis heute im Impressum der aktuellen Ausgaben von Montag bis Samstag als Gründungsherausgeber genannt wird, auf sich hat. Dass er nicht vergessen wird, ehrt das Blatt. Konservativ und auf Tradition bedacht eben.
Dies war wiederum für die 68er eine Provokation, zumal die politische Redaktion einen deutlich antisozialistischen Kurs fuhr. Einzig das Feuilleton profilierte sich eher »links«. Den Gegensatz zwischen Politik und Kultur hatte die FAZ von ihrer Vorgängerin FZ und auch anderen Blättern der Weimarer Republik geerbt. Da man sich aber als liberal verstand, wurde versucht, das zuweilen problematische Innenverhältnis, auch innerhalb der Ressorts, zum Wohl und manchmal auch Ärger der Leser zu nutzen.
In der FAZ wurden folglich auch die großen politisch-kulturellen Debatten der BRD ausgetragen, wie etwa die Auseinandersetzungen über die Wiederbewaffnung und die Ostpolitik, der Historikerstreit und die politische Bewertung von Christa Wolf und ihrer Rolle in der DDR. Alles kommt im Buch vor, und alles wird wieder so deutlich, als würde man in alten Ausgaben blättern.
In erster Linie ist das Werk natürlich eine Fundgrube für FAZ-Leser. Die wollen auch etwas über die Anekdoten und Zwiste in der Redaktion erfahren und werden zu den Entlassungen von Hugo Müller-Vogg und Holger Steltzner aus dem Herausgebergremium fündig. Beide übrigens dem konservativen Flügel zugehörig, was auch ein bezeichnendes Licht auf die Zeitung wirft. Die Zeiten stramm konservativer Leitartikel eines Johann Georg Reißmüller oder Friedrich Karl Fromme sind vorbei. Derartiges findet man heute nur unter den Leserbriefen.
Zu den Kuriositäten gehört, dass die Frankfurter Sponti-Stimme »Pflasterstrand« in einer Kritik an der deutschnationalen Linie des Blattes in den 80er Jahren zur journalistischen Qualität zähneknirschend bescheinigte: »Die FAZ hat alles am besten.«
Mit 440 Seiten Text, 100 Seiten Anmerkungen, ausführlichen Quellenangaben, Zeittafeln und einem unentbehrlichen Personenregister ist »Zeitung für Deutschland« fesselndes Lesebuch und nützliches Nachschlagewerk zugleich.

Claus Wecker
+Benvento Verlag, München 2019, 600 S., 28 Euro

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