»Yuli« von Icíar Bollaín

Sein Vater Pedro (Santiaogo Alfonso) gibt ihm einen traditionellen afrikanischen Namen. Yuli ist der Sohn des Ogún, in der Religion der Yoruba der Gott des Eisens, also ein Krieger. Der kleine Carlos Acosta (Edilson Olbera) soll ein Mann mit eisernen Willen werden, einer, der sich gegen alle Widrigkeiten behauptet. Doch der Papa muss ihn gewissermaßen zum Kampf tragen.

Pedro ist der Meinung, dass es für seinen Sohn nur einen Weg aus Havannas Armenviertel gibt. Er meldet den überdurchschnittlich gelenkigen kleinen Carlos, der sich auf der Straße als Breakdancer hervortut, zum Ballettunterricht an. Doch Carlos will nicht wie ein Schwuler in Strumpfhosen herumhüpfen, sondern lieber ein großer Fußballer wie Pelé werden.
Das ist der ungewöhnliche Beginn der großen Karriere des Afrokubaners Carlos Acosta. Ein Karriere, die ihn zum Royal Ballet an das Londoner Royal Opera House führt, wo er der erste farbige Romeo in dem Ballett von Sergei Prokofjew werden soll. Im Gegensatz zum Zeitgeist, der Talent und Motivation gerne in Harmonie vereint sieht, wird hier ein Junge erfolgreich zu seinem Glück gezwungen.
Dementsprechend angespannt ist natürlich die Vater-Sohn-Beziehung, und wenn die Situation dem eigensinnigen Jungen günstig erscheint, büxt er aus dem Ballettunterricht aus und hängt in den beeindruckenden Ruinen einer Kunsthochschule seinen Träumen nach. In Wirklichkeit ist Carlos aus der Nationalen Ballettschule Kubas wegen Disziplinlosigkeit verwiesen worden, um anschließend in einem Internat weiter unterrichtet zu werden.
Er ist ein Antipode zu Billy Elliot, der in den achtziger Jahren im nordenglischen Kohlerevier hinter dem Rücken seines Vaters zum Ballettunterricht gegangen ist. Billy lebte im Konflikt zu seinem Papa und dessen Bergmannstradition.
Nicht weniger traditionell denkt Pedro, dessen Familie noch vor zwei Generationen in den kubanischen Zuckerrohrplantagen versklavt war. Sein Weltbild ist geprägt von dem Wunsch, die alten afrikanischen Traditionen zu bewahren, aber diese auch mit der christlichen Religion zu verbinden. Und da ist für ihn oberstes Gebot, die Gaben, die man besitzt, zu entwickeln und im Erfolgsfall auch die Heimat zu verlassen. »Vergiss Kuba!« befiehlt er seinem Sohn, als dieser im verregneten London vom Heimweh übermannt wird.
Wie Pedro seinen widerspenstigen Yuli überredet, so überzeugt die Regisseurin Icíar Bollaín die nicht so ballettbegeisterten Zuschauer mit furiosen Tanzszenen. Sie ist durch »Öffne meine Augen«, »Und dann der Regen – También la Iluvia « sowie »El olivo – Der Olivenbaum« bekannt geworden. Einfühlsame Charakterstudien mit einer politischen Note sind ihr Markenzeichen, und in »Yuli« verleiht sie der Geschichte durch die Ballettsequenzen eine einzigartige Dynamik. Wie die Tanzeinlagen in den besten Musicals fügen sie sich harmonisch ein und treiben die Erzählung von Carlos Acostas Leben voran.
Grundlage des Films ist die Autobiografie des Ballettstars, »No Way Home«, aus der Iclairs Ehemann Paul Laverty ein vielschichtiges Drehbuch entwickelt hat. Dass Acosta auch den erwachsenen Carlos selbst verkörpert, macht den Film einzigartig. Generell ist »Yuli« das Resultat einer gelungenen Zusammenarbeit. So stammt die Musik, sofern nicht auf klassische Ballettmusik zurückgegriffen wurde, vom Ausnahmemusiker Alberto Iglesias, dem Stammkomponisten von Pedro Almodóvar. Die Tanzszenen verantwortete die Choreografin María Rovira, der hierzulande eher unbekannte Álex Catalan führte eine perfekte Kamera, und dem Cutter Nacho Ruiz Capillas , der an mehreren Bollaín-Filmen beteiligt war, gelang ein fließender Filmschnitt.
»Yuli« ist Biopic und Ballettfilm gleichermaßen, auch ein Film über Kuba und seine afroamerikanische Bevölkerung, ein erstaunlicher Film, der die Zuschauer beschwingt und nachdenklich entlässt.

Claus Wecker (Foto: © Piffl Medien)
YULI
von Icíar Bollaín, E/C/GB/D 2018, 109 Min.
mit Carlos Acosta, Santiago Alfonso, Keyvin Martínez, Edlison Manuel Olbera Núñez, Laura De la Uz, Yerlín Pérez
nach der Autobiografie von Carlos Acosta
Biopic
Start: 17.01.2019

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