Weseler Werft: Europa cantat

Das darf man schon sagen: Die vor sieben Jahren von der EZB in Zusammenarbeit mit dem hr initiierte Freiluftkonzerte an der Weseler Werft haben sich zu Publikumsmagneten entwickelt. Mehr noch: »Europa Open Air« ist seitdem Auftakt der jährlichen Europa-Kulturtage und zugleich schwungvoller Start des hr-Sinfonieorchesters in die neue Konzertsaison. In diesem Jahr ist Lettland Schwerpunkthema, das zusammen mit den beiden baltischen Staaten Litauen und Estland 100 Jahre Unabhängigkeit feiert. Chefdirigent Andrés Orozco-Estrada, so hat es sich auch jüngst in einem Open Air in Bad Homburgs Gustavsgarten wieder erfolgreich gezeigt, ist der ideale Moderator und Interpret, einem großen Publikum auch musikalische Nebenschauplätze gewitzt nahezubringen. Die baltischen Länder sind allerdings mehr als das: die äußerst sangesfreudigen Landsleute haben (wir erinnern uns?) mit einer 650 km langen Menschenkette und dem friedlichen Einstimmen patriotischer Lieder 1989 die russischen Besatzer solange genervt, bis sie ihre Unabhängikeit erreichten. Man spricht mit Stolz von der »singenden Revolution«. Orozco-Estrada erklärte ironisch in einem Interview, dass er erfreulicherweise wieder einmal das Open Air Konzert dirigieren dürfe. Er hat sich dazu ein kluges Programm ausgedacht, das sich atmosphärisch an mythischen Märchenwelten (nicht nur aus Litauen) orientiert. Mit Aaron Copland (amerikanischer Komponist und Sohn litauischer Einwanderer) wird der Abend symbolisch eröffnet mit der »Fanfare for the Common Man«. Märchenbilder für Akkordeon und Orchester des tschechischen Komponisten Václav Trojan und ein Ausschnitt aus Igor Strawinskis sinnlichen Bildern des »Sacre du Printemps« schließen sich wirkungsvoll an. Litauisch wird’s dann mit musikalischen Szenen »Im Wald« des Spätromantikers, Malers und Nationalkomponisten Mikalojus Ciurtionis, mit seinen hochexpressiven, an Wagner und Dvorák erinnernden Breitwandklängen, denen man sich kaum entziehen kann – und die hierzulande noch zu entdecken sind. Dann ein großer Sprung nach Buenos Aires zu frühlingshaften Tangoklängen, wie sie der berühmte Astor Piazolla zu erzählen weiß. Am Ende finden sich der Chor Jauna Muzika (= neue Musik) und vier großartige Solisten, allesamt aus Litauen, zum Schluss-Satz der 9. Beethoven-Sinfonie, der ja zur europäischen Nationalhymne mutiert ist. Wer weiß, vielleicht wird das Publikum zum Mitsingen animiert.
Das alles hoffentlich, wie in den vergangenen Jahren auch, bei schönstem sommerlichen Abendlicht mit Blick auf die Frankfurter Skyline: Europa cantat.

Bernd Havenstein (Foto: © Tim Wegner)
Termin: 23. August, 18 Uhr
(Einlass ab 16 Uhr) bei freiem Eintritt.

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