»Werk ohne Autor« von Florian Henckel von Donnersmarck

Acht Jahre nach »The Tourist« legt Florian Henckel von Donnersmarck seinen dritten Spielfilm vor. Wie in seinem Erstling »Das Leben der Anderen« widmet er sich wieder der DDR, doch diesmal fügt er das Dritte Reich und die Bundesrepublik hinzu. In etwas mehr als drei Stunden entwirft er ein Historienbild von Deutschland in drei politischen Systemen und erzählt die Geschichte eines Künstlers, der bei allem Talent nach seinem eigenen Stil sucht.

Es ist zugleich die Suche nach seiner künstlerischen Integrität, die wesentlich von seiner Tante Elisabeth (Saskia Rosendahl) angestoßen wurde. Die Kunstliebhaberin führt ihren Neffen 1937 in eine Ausstellung mit Werken »entarteter Kunst«. Das meint sie als Ermunterung, und der penetrante Nazi-Kommentar des Ausstellungsführers (Lars Eidinger) soll bei dem kleinen Kurt Bahnert (Cai Cohrs) weniger Wirkung zeigen als die gebrandmarkten Bilder von George Grosz und Otto Dix.
»Alles, was wahr ist, ist schön«, behauptet die Tante, die unter Verhaltensauffälligkeit leidet. Heute würde man ihr angeschlagene Nerven attestieren, im Dritten Reich führt sie ein »unwertes Leben« und wird vom Frauenarzt Professor Seebald (Sebastian Koch) in die Gaskammer überwiesen. Als sie gegen den Willen der Familie abgeholt wird, schärft Elisabeth ihrem kleinen Neffen das Vermächtnis ein: »Sieh niemals weg« – das ist auch der Untertitel des Films.
Auf das Dritte Reich folgt die DDR, und dem herangewachsenen Kurt, den jetzt Tom Schilling verkörpert , wird beigebracht, im Stil des sozialistischen Realismus zu malen. Doch die Karriere des staatstragenden Künstlers schlägt er durch die gemeinsame Flucht mit seiner Frau Ellie (Paula Beer) aus. In der BRD, an der Düsseldorfer Kunstakademie, findet er schließlich zu seiner Kunst, einem durch eine Wischtechnik verfremdeten Fotorealismus.
Parallel dazu erzählt der Film die so dramatische wie hochpolitische Geschichte von einem Konformisten, der in jedem Gesellschaftssystem oben schwimmt. Es ist Ellies Vater, eben jener Gynäkologe und Professor Carl Seeband, der Kurts Tante in den Tod geschickt hat. Nach Kriegsende gewinnt er als tatkräftiger Geburtshelfer das Vertrauen eines sowjetischen Kommandanten. Später versucht er durch eine Abtreibung unter medizinischen Vorwänden zu verhindern, dass der mittellose Kurt sein Schwiegersohn wird. Dies gelingt ihm zwar nicht, aber auf Kurts Weg bleibt sein Schatten, von dem sich der Künstler am Ende mehr ahnend als wissend befreit.
Das alles ist der Realität abgeschaut. Die Figur Kurt Banert hat Gerhard Richter zum Vorbild, Kurts Düsseldorfer Kunstprofessor Antonius van Verten (Oliver Masucci) den unverkennbaren Joseph Beuys und Mitstudent Günther Preusser (Hanno Koffler) den jungen Günther Uecker. Auch war der Vater von Richters erster Frau ein Euthanasie-Arzt, wie man aus einer Biografie weiß. Der Film macht ihn noch dazu zum Verantwortlichen an Elisabeths Tod.
»Werk ohne Autor« ist ein opulentes Melodram, gefilmt im Stil des späten Hollywoods, technisch also einwandfrei. Auch die Schauspieler geben ihr Bestes: allen voran Sebastian Koch als gewissenloser Fiesling, der nur sein Renommee im Auge hat. Tom Schilling kann endlich wieder sein schauspielerisches Potential ausschöpfen, Paula Beer spielt eine bezaubernde junge Frau. Nicht vergessen sollte man Hanno Kofflers nonchalante Uecker-Darstellung.
Dennoch bleibt ein Nachgeschmack. Man fragt sich, ob Donnersmarck nicht mit seinem Realismus, seinem Anspruch, alles zeigen zu dürfen, der Wahrheit einen schlechten Dienst erweist. Muss er uns in die Gaskammer führen und dieser unerträglichen Szene einen ästhetischen Sinn verleihen? Wäre nicht hier und an anderen Stellen etwas mehr Zurückhaltung angebracht gewesen, die sich der Grenzen filmischer Darstellung bewusst geworden wäre? Das Wahre ist vor allem dann ausnahmslos schön, wenn man einen schönen Film drehen will.

Claus Wecker (Foto: Walt Disney Pict.)
WERK OHNE AUTOR (Sieh niemals weg)
von Florian Henckel von Donnersmarck, D 2018, 188 Min., mit Tom Schilling, Sebastian Koch, Saskia Rosendahl, Oliver Masucci, Ben Becker, Lars Eidinger
Drama
Start: 03.10.2018

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