»Was wir waren« fragt Andreas Maier in seinem neuen Buch, das auch die Antwort gibt

Schlicht und tatsächlich ergreifend: ein dauerhaft schlecht gelaunter Einzelgänger. Einer aus der Null-Bock-Generation, der durch die Lande zieht, vorzugsweise durch die Wetterau, viel trinkt und auch viel vertragen kann, dafür wenig gelten lässt und paradoxerweise, beim Lesen, echt Spaß macht. Das Buch, entstanden aus sogenannten Kolumnen, die Maier für die Wiener Zeitschrift »Volltext« zwischen 2011 und 2018 geschrieben hatte, sind eigentlich kurze, pointierte Erzählungen, die Maiers großen autobiographischen Zyklus »Die Ortsumgehung«, sechs Bände sind bereits erschienen, begleiten wie ein Krankenpfleger den Chefarzt. Alle Geschichten beginnen mit »Neulich …«

Maier, der sich auch hier wieder als mächtiger Muffel gibt, sich selbst einen »Kultursublimierten« nennt, steht im Keller des Suhrkamp Verlages. Er sieht, wie »all die Originale, die Manuskripte, Texte, Blätter«, die er in den Händen hält, in Kisten verpackt werden und nach Berlin umziehen. Er ist tief beeindruckt, denn »am Ende ist aus alldem, meinem Leben, der Wetterau, Anke, der Buchhändlertochter, den Kolumnen, … ein Buch geworden, ein Suhrkamp-Buch, was sonst.« Bescheidenheit ist nicht Maiers hervorstechendste Eigenschaft. Maiers Onkel, seinen Lesern wohl bekannt, inzwischen 70, hat sein Leben eher auf der Schattenseite verbracht, erlebt aber am Ende noch einmal einen großen Auftritt: als Karnevalist des Fastnachtclubs »Die Dummbabbler«. Er steht auf dem Wagen, wirft Bonbons in die Menge, »ein wenig schüchtern, aber vor allem mit stiller Freude und einer gewissen Seligkeit im Blick.«
»Neulich dachte ich an das eigenartige Leben, das ich mit sechzehn, siebzehn Jahren geführt hatte.« Maier trank, seit jeher schon, viel; aß wenig, trug gerne abgetragene Kleidung. Er liebte das Extreme. Er aß zum Beispiel die übrig gebliebenen Reste auf den Tellern an den Imbissständen.
Manche seiner Geschichten sind voller Spott, viele mit abgründigem Humor und böser Ironie durchtränkt. Er hat klare Vorstellungen. Fremdenfeindlichkeit heißt für ihn, »dass man feindlich schaut, wenn ein Nicht-Stammgast die Wirtschaft betritt.« In einer Apfelweinwirtschaft muss man, um dazu zu gehören, sich allmählich hocharbeiten mit viel Feingefühl und ja nicht zu schnell. »Ein menschenwürdiges Leben beginnt sowieso erst ab sieben oder acht Schoppen. Und zwar für jeden, egal ob fremd oder nicht.«
Seine Erfahrungen mit dem Schriftsteller Peter Kurzeck, 2013 gestorben, schildert Maier auf fast liebevolle Weise. Kurzeck rief Maier oft an. Auch nach seinem Tod noch, seitdem allerdings aus dem Himmelreich. Er bedauert, dass da oben niemand seine Sprache spricht (vermutlich dieses oberhessisch rrrollende R, mit dem man Steine klopfen kann). Maier sprach ihn einmal darauf an, dass er seine unzähligen Buchprojekte kaum alle vollenden könne. Kurzeck fragte zurück, wo das Problem sei. »Dann schreibe er eben als Engel weiter.« Immer wieder kreisen Maiers Gedanken ums Schreiben. Was wird bleiben? Doch nur die Schriftsteller, die ein Werk hinterlassen. Wenn Maier dann auf sein Werk schaut, voller Ironie, sieht er es bei Zweitausendeins verramscht.
Maier beschreibt, ohne sich zu schonen oder zu beschönigen, wie er lebt, denkt, wohin er reist, seine Abneigungen, seine Vorlieben, seine Demütigungen. So über seinen Bart. Dabei geht es keineswegs um den »Hip-Bart«, der »gestutzt und gehegt und gepflegt und beobachtet« wird und in der Lücke zwischen »Aromenkochkurs auf La Gomera und Gipfelskisurfen in Nepal« entsteht. Nein, er meint den langen russischen »Heiligen- oder Literatenbart.« Dieser Bart beginnt allmählich zu stinken. Apfelwein, Milchkaffee oder Essensreste, die darin hängen bleiben, senden Botenstoffe aus. Sein Mund ist »nur noch eine Vermutung« in seinem Gesicht. Trotzdem kommt Maiers Bart nicht an den des Frankfurter Verlegers Klaus Schöffling heran. Der habe den »längsten und nicht hintergehbarsten Renommierbart in Frankfurt.«
So tauchen in diesen Geschichten viele Gestalten auf, die man (als Frankfurter) kennen kann, kennen sollte, oder kennen muss. Viele Geschichten sind amüsant und oft sehr witzig. Viele bleiben rätselhaft: ernst oder zynisch/ironisch, wer weiß?

Sigrid Lüdke-Haertel

Add Comment

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.

YouTube aktivieren?

Auf dieser Seite gibt es mind. ein YouTube Video. Cookies für diese Website wurden abgelehnt. Dadurch können keine YouTube Videos mehr angezeigt werden, weil YouTube ohne Cookies und Tracking Mechanismen nicht funktioniert. Willst du YouTube dennoch freischalten?