Was ist Natur? Der Versuch eine Antwort zu finden …

Das Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg lädt ein zu Reflektionen über die Gegenwart des Naturbegriffs

Es werden keine Konzepte oder Definitionen angeboten. Anhand von Kunstwerken, Objekten aus den Naturwissenschaften und der Kulturgeschichte versucht die Ausstellung einen Zugang zu den Überlegungen über das »Sein« und zu dem Thema »Wie hängt alles zusammen?« zu finden. Der Glaube, alles bzw. noch alles in der Hand zu haben, wird demontiert. Was bedeutet, dass der Begriff ›Verantwortung‹ neu definiert werden muss. Nicht mehr vertikal: jemand steht oben und trägt die Verantwortung. Sondern horizontal: jede Tat hat unmittelbar Auswirkung auf alles, was uns umgibt und somit auch auf mich selbst. Das heißt: Reden wir von Natur, reden wir immer vom Verhältnis des Menschen zur Welt und von ihrer Zukunft. So erfordert die Frage »Was ist Natur?« nicht nur ein Umdenken und eine tiefe Reform des gesellschaftlichen und ökologischen Lebens. Sie verlangt zugleich eine kritische Auseinandersetzung mit uns selbst und dem Prinzip der Gegenseitigkeit, was achtlose Bequemlichkeit ausschließen muss.

Facettenreiche Einblicke in die Gruppenausstellung machen uns mit den vielfältigen Lebensformen bekannt, die unsere Ökosysteme im Gleichgewicht halten. So beschäftigt sich die norwegische Künstlerin Sissel Tolaas damit, was sich im Erdboden auf winzigster molekularer Ebene zwischen Bakterien und Insekten durch Duftstoffe kommunikativ abspielt. Um das ökologische Gleichgewicht geht es auch in einem Projekt der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Es zeigt, dass der stetige Fortschritt in der Entwicklung von technischen Geräten und Verfahren inzwischen Kleinstlebewesen entdeckt hat, die unseren Planeten vor Millionen von Jahren entscheidend prägten und unsere Existenz bis heute ermöglichen. Und am Beispiel das Frankfurter Flughafens wird dem Besucher anhand von Bildern und Objekten des Wissenschaftshistorikers Nils Güttler bewusst, dass das Flughafengelände keinesfalls eine unbelebte Infrastruktur ist: So veranschaulicht das Foto eines Elsternestes aus Pflanzenresten und Metall, dass Natur, Mensch und Technik nicht voneinander getrennt sein müssen, sondern sich durchaus gegenseitig bedingen können. Und wenn man wissen möchte, wie Ökosysteme klingen, dann kann man den Tonaufnahmen des Ornithologen Bernd Petri lauschen: zum Beispiel ›Amsel singt vom Dach‹ oder ›Grille zirpt trotz Flugzeug unentwegt‹. Um die Reflektion von Mensch und Natur der US-amerikanischen Künstlerin Andrea Bowers geht es auch in ihrem Film »My Name Means Future«. Er berichtet über die Aktivistin Tokata Iron Eyes, ihren Alltag als Indigene in den USA und von ihrem Verständnis von Natur und der Rolle des Menschen bei der Gestaltung der Zukunft. Die Installation »Mitigation (Linderung) of Shock« des Designerkollektivs Superflux versetzt die Besucher in eine Londoner Wohnung 2050. Ein Szenario, das den Klimawandel in den Alltag holt. Nach diesem Schock sollte man es sich auf einem der Monobloc-Stühle bequem machen und sich den zauberhaften Film »Das Blumenwunder« von Max Reichmann ansehen. Im Auftrag von BASF zwischen 1922 und 1925 gedreht, sollte er für synthetischen Dünger werben. Im Zeitraffermodus werden Pflanzenbewegungen gezeigt. Die Sequenzen wurden später für das Kino aufbereitet und zum Teil mit Tanzszenen von Solisten der Berliner Staatsoper, die die Bewegungen der Pflanzen nachahmen, kombiniert.

Auch alle anderen Arbeiten der interdisziplinären Ausstellung rücken anstelle von Antworten essentielle oder – wenn man so will – existentielle Fragen in den Mittelpunkt. Fragen wie: »Was bedeutet es für den Menschen, Teil der Natur zu sein?« – »Welche Rolle spielt der Mensch und welchen Einfluss hat er auf die Erde?« – »Welche Art von Verständnis ist möglich?« – »Welche Möglichkeiten gibt es, um der unvorstellbaren Verschwendung von Ressourcen und der Respektlosigkeit gegenüber der Natur Einhalt zu gebieten?«

Diese und viele weitere Fragen manifestieren, dass der Klimawandel, der Verlust von Biodiversität und die weltweiten Naturkatastrophen zum einen grundsätzliche Überlegungen des Mensch-Welt-Verhältnisses erfordern; zum anderen eine Neubewertung von Wirtschaft und Konsum sowie des Verständnisses von Natur verlangen. »Wir wissen das alles, tragen aber immer noch das Schönheitsbild des 19. Jahrhunderts in uns. Natürlich gibt es Schönheit noch, doch leider immer weniger Raum dafür«, so Kathrin Meyer, die neue Direktorin des Museums Sinclair-Haus.

Die Ausstellung wird von einem umfangreichen interdisziplinären Programm begleitet: Führungen, literarische und philosophische Streifzüge und eine Vielzahl von digitalen Angeboten.

Anne Kaben (Foto: Aus der Serie Wonderplant, © Sarah Illenberger)

Museum Sinclair-Haus, Bad Hombur g v.d.H. (Eingang Dorotheenstr.)
Bis 24. Januar 2021: Di. – Fr. 14–19 Uhr; Sa., So. 13 – 18 Uhr
www.museumsinclairhaus.de

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