Viel Nacht diesmal allerorts – Taxis in München, Särge in Lancashire und Nazi-Grausamkeit im Allgäu

Was für ein Ritt, was für ein Timing, was für eine Stimmung und welch erzählerische Lakonie. Als Taxifahrer in München muss man über 6.000 Straßen vor- und rückwärts kennen. Frank Schmolke hat dort über 20 Jahre als »Taxler« gearbeitet. In seiner Graphic Novel »Nachts im Paradies« verdichtet er das alles auf drei vogelwilde Nächte mit Krimieinschlag während des Oktoberfests.
Protagonist ist der Taxifahrer Vincent – nicht sonderlich glücklich in seinem Beruf, auch sonst vom Leben gebeutelt, seine 16-jährige Tochter Anna der einzige Lichtblick. Wir erfahren von den Taxlertricks, wie man den Zombies und Typen in Saufuniform aus dem Weg gehen oder wo man die Wiesen anfahren muss, um einen vollgekotzten Rücksitz zu vermeiden. Wir selbst kennen die rücksichtslose Eiligkeit gewisser Fahrgäste: »Schneller! Schneller! Mein Flieger geht!«. Der Fahrer ist es dann, der mit dem Strafzettel und den Punkten dasteht.
Frank Schmolke (Jahrgang 1967, bereits 2013 mit »Trabanten« aufgefallen) erzählt schwarzweiß. Expressiv und immer passgenau. In seinem Nachwort schreibt er: »Zeichnen und Taxifahren haben gewisse Parallelen. Das Suchen einer Fahrtroute ist ähnlich dem Ziehen einer Linie mit dem Stift. Manchmal perfekt und manchmal krakelig. Während der Fahrt füllt sich das Blatt mehr und mehr. Bis zum Ende der Fahrt entsteht so ein Bild des Fahrgastes«. Nicht weil es dem nachgemacht wäre, sondern weil in der Erzählhaltung ebenso souverän, musste ich öfter an Scorseses Meisterwerk »Taxi Driver« von 1976 denken: Szenen für die Ewigkeit und perfekt gesetzte Pointen, die Kamera ständig in Bewegung. Für einen ganz bestimmten wichtigen Moment lässt Schmolke sich Zeit bis Seite 344. In diesem 1132 Gramm schweren Buch ist kein Strich zu viel. Absolut ortskundig geht es durch viele Kurven. Diesem Fahrer würde man im echten Leben gerne ein dickes Trinkgeld geben.

Frank Schmolke: Nachts im Paradies. Edition Moderne, Zürich 2019. Klappenbroschur, alle Abb. schwarz-weiß, Format 19 x 26 cm. 352 Seiten, 29,80 Euro.

Lebendig begraben: Das macht sie jetzt schon eine ganze Zeitlang wirklich verlässlich, genauer seit 2008 und »Todesopfer«. Sharon Bolton, Jahrgang 1960 und aus Lancashire stammend, dreht auch mit »Der Schatten des Bösen« die gute alte Tradition des englischen Landkrimis einen Zacken schärfer fort. Charakter kann sie und Landschaft, Atmosphäre und Setting, das steht außer Frage, womit sie immer wieder aufs Neue spielt, das ist die Grenzlinie zum Übersinnlichen. Seit William Wilkie Collins und seinem »Monddiamant« von 1868 ist das gute, wenn auch etwas aus der Mode gekommene britische Übung.
Florence Lovelady nennt Bolton ihre Polizistin, die anlässlich der Beerdigung eines ehemaligen Sargtischlers und Mörders in die Stadt ihres spektakulärsten Falls zurückkehrt. Dort in Lancashire wurden 1969 mehrere Jugendliche vermisst. Wie sich herausstellte, waren sie entführt und in Särgen lebendig begraben worden – auch so ein Topos: »Buried alive!« Florence gelang es damals, den Sargmacher der grausamen Taten zu überführen und ihn lebenslang hinter Gitter zu bringen. Doch kaum ist der vermeintliche Mörder von damals selbst unter der Erde, mehren sich die Zwischenfälle, die auf etwas immer noch Lebendiges deuten. Bald muss die Polizistin um ihren eigenen Sohn Ben fürchten. Sie wendet sich an Daphne und Avril, zwei alte Jugendfreundinnen, Mitglieder des hiesigen Hexenzirkels …
Klingt gewagt? Ist es. Bolton aber gelingt die Balance. Nebenher gibt es klaustrophobische Momente, Anschauliches zum Sexismus in der Polizei und eine große und elegant gesetzte Rückblende.

Sharon Bolton: Der Schatten des Bösen (The Craftsman, 2018). Aus dem Englischen von Marie-Luise Bezzenberger. Goldmann Verlag, München 2019. 560 Seiten, 10 Euro.

Allgäu, ganz furchtbar: Leo Hiemer war zusammen mit Klaus Gietinger 1985 Autor des Allgäu-Klassikers »Daheim sterben die Leut’«. Das war teilweise schon ein Nachtfilm, jetzt aber wird es richtig dunkel. An seinem Buch »Gabi (1937–1943). Geboren im Allgäu – Ermordet in Auschwitz« hat Leo Hiemer fast sein halbes Leben gearbeitet. Es ist ein Werk geworden, das mich sehr aufwühlt und nicht loslässt, dies nicht nur, weil auch ich aus dem Allgäu bin. Es sind 400 Seiten über ein Mädchen, das keine sechs Jahre alt werden durfte – am 16. März 1943 in den Gaskammern von Auschwitz ermordet. Leo Hiemer macht ernst mit Erinnerungskultur. Er gibt einem Opfer des Nationalsozialismus Namen und Geschichte und Würde, erzählt den ganzen Hintergrund. Man wird danach das Allgäu nicht mehr als Idylle sehen.
Die Geschichte der Gabriele Schwarz arbeitete Leo Hiemer bereits 1993 in seinem Film »Leni … muss fort« auf. Inzwischen hat er noch viel mehr dokumentarisches Material zusammengetragen. Ihn ließ nicht los, dass ausgerechnet das Dorf seiner glücklichsten Kindheitserinnerungen – Stiefenhofen im bayerisch-schwäbischen Landkreis Lindau, wo seine Großeltern lebten und seine Mutter aufwuchs – wenige Jahre vor seiner Geburt der Ort eines grausamen Dramas war.
Sein sehr lesbares Buch ist ein Lehrbeispiel, wie die Ideologie des Nationalsozialismus noch in die hintersten, kleinsten Dörfer reichte und zu Ausgrenzung, Selektion und Vernichtung führte. Gabi war das uneheliche Kind einer jungen Witwe, der katholisch getauften Jüdin Lotte aus Augsburg, ihr Mann ein 14-fach dekorierter Kriegsheld des Ersten Weltkriegs. Trotzdem trafen die Nürnberger Rassengesetze Mutter und Tochter voll, auch die Moralprinzipien der Katholischen Kirche wirkten sich tödlich aus. Gabis Mutter war insgesamt vierzehn Mal beim Münchner Kardinal von Faulhaber vorstellig, der aber wusch wie die ganze Kirche die Hände in Unschuld, als sie 1941 im KZ Ravensbrück landete und dort 1942 ermordet wurde. Das ist nur eine der Unfassbarkeiten des exzellent dokumentierten Buches. Eine andere: wie der Nazi-Staat und seine Mitläuferschergen sich die in einem kleinen Dorf bei Pflegeeltern versteckte kleine Gabi griffen und nach Auschwitz schafften. Eine andere: die bürokratisch ausgefeilten Bemühungen des Staates, nach dem Tod des Mädchens noch dessen gesamte Vermögenswerte einzuziehen. Eine weitere: die von Hiemer recherchierten Ergebnisse der juristischen Aufarbeitung, vulgo Entnazifizierung der an der Auslöschung beteiligten Akteure. Man könnte weinen.
Leo Hiemer sagt: »Wir wollen uns keine Illusionen machen, deshalb ist Wissen so wichtig. Wissen, was geschehen ist und wissen, was geschehen kann«. Im Oktober startet eine Wanderausstellung zum Buch.

Leo Hiemer: Gabi (1937–1943). Geboren im Allgäu – Ermordet in Auschwitz. Metropol Verlag, Berlin 2019. Hardcover, viele Abbildungen, 416 Seiten, 24 Euro.

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