»Vergiftete Wahrheit« von Todd Haynes

Immer wenn es darum geht, gesellschaftliche Missstände aufzudecken, läuft das amerikanische Kino zu Höchstform auf. Der unerschrockene Reporter, der erfolgreich recherchiert und so auch seine berufliche Bestätigung findet, ist einer der Lieblingshelden Hollywoods. »Vergiftete Wahrheit« basiert auf dem Zeitungsbeitrag »The Lawyer Who Became DuPont’s Worst Nightmare« von Nathaniel Rich. Nur gibt im Film nicht ein Reporter, sondern ein Anwalt Anlass zur Bewunderung.

Mark Ruffalo, der aus »You Can Count on Me« und »The Kids Are All Right« in allerbester Erinnerung ist, spielt diesen Anwalt, zuerst zögerlich, doch bald mit einer umso zäheren Beharrlichkeit bei der Sache. Für kriminelle Machenschaften soll der Verursacher zur Verantwortung gezogen werden, selbst wenn es sich um einen Weltkonzern handelt.
In Parkersburg, West Virginia, verenden 1998 reihenweise die Kühe der Bauern. Wilbur Tennant (Bill Camp) und sein Bruder Jim (Jim Azelvandre) gehören zu den geschädigten Farmern. Sie glauben, dass der Bach auf ihrem Land durch die Mülldeponie eines nahe gelegenen DuPont-Werkes vergiftet wird.
Eine kluge Idee haben die Farmerbrüder jedenfalls, wenn sie den Fall eben dem besagten Anwalt vortragen. Denn Robert Bilott ist ein Bekannter in Parkersburg, er hat dort als kleiner Junge oft seine Großmutter besucht. Zudem ist er kein zwielichtiger Winkeladvokat, sondern der Juniorpartner in einer angesehenen Wirtschaftskanzlei, zu deren Mandanten auch DuPont zählt.
Das bringt ihn zunächst in Konflikte. Soll er der Sache nachgehen? Schließlich vertritt er ja Chemiefirmen und eben nicht Privatpersonen. Zudem ist DuPont nicht nur ein Mandant der Kanzlei, sondern auch ein wichtiger Arbeitgeber vor Ort mit sozialem Engagement.
Viel riskiert Tom Terp (Tim Robbins), der Chef der renommierten Anwaltskanzlei Taft Stettinius & Hollister in Cincinatti, als er sich von seinem Juniorpartner die Zustimmung abringen lässt, dass dieser sich den Fall näher anschaut und schließlich auch das Mandat übernimmt.
Es geht um den einst als große Errungenschaft aus der Raumfahrt gepriesenen Kunststoff Teflon.
Leider besteht Teflon aus der hochgiftigen Perfluoroctansäure (PFOA). Und die Rückstände hat DuPont neben dem Anwesen von Wilbur Tennant gelagert. Das findet Bilott heraus, der die Mittel hat, tonnenweise Firmenunterlagen in die Kanzlei kommen zu lassen.
Todd Haynes, der bisher eher durch hintergründige Milieustudien wie »Carol« oder »Dem Himmel so fern« aufgefallen ist, spielt hier meisterhaft auf der Tastatur des Politthrillers. Er macht Bilotts Entscheidung anschaulich, indem er ihn die Farm besuchen und Zeuge eines wild gewordenen Stieres werden lässt. Er zeigt die Mühen in der Ebene, wenn er Bilott sich durch ein Meer von Aktenkartons kämpfen lässt, und er bezieht auch Bilotts Familie mit ein, die wenig begeisterte Ehefrau Sarah (Anne Hathaway), die um die Karriere ihres Mannes und die Finanzen der Familie fürchtet. Zudem muss sich Bilott auch um seine Unversehrtheit sorgen, weil er nicht weiß, zu welchen Mitteln seine Gegner greifen.
Haynes selbst sagt, dass Mark Ruffalo, der sich auch als Produzent engagiert hat, aus unerfindlichen Gründen an ihn gedacht habe: »Dabei konnte er nicht wissen, dass ich insgeheim ein großer Fan dieses Whistleblower-Genres bin.« Er zählt Pakulas Paranoia-Trilogie »Klute«, »Zeugen einer Verschwörung« und eben »Die Unbestechlichen« zu seinen Vorbildern.
Der real existierende Robert Bilott wurde übrigens 2017 mit dem alternativen Nobelpreis »für die Aufdeckung einer über Jahrzehnte andauernden chemischen Umweltverschmutzung, das Erreichen von Entschädigung für deren Opfer und seinen Einsatz für eine effektivere Regulierung gefährlicher Chemikalien« ausgezeichnet. Auch so eine Geschichte taugt für einen packenden Film.

Claus Wecker (Foto: © Tobis)

VERGIFTETE WAHRHEIT (Dark Waters)
von Todd Haynes, USA 2019, 128 Min.
mit Mark Ruffalo, Anne Hathaway, Tim Robbins, Bill Camp, Bill Pullman, Victor Garber
Politthriller
Start: 08.10.2020

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