»Undine« von Christian Petzold

Wenn man Undine, den Namen des »Elementargeistes« mit der tragisch repetitiven Liebesgeschichte, auf den Wortstamm zurückführt, landet man einmal einfach bei »Welle«. Und damit beim gemeinsamen Ursprung von Natur und Mythos. Oder von Realität und Zauber, wie man es nimmt.

Die Wirklichkeit neu zu entdecken, um darin den verlorenen Zauber zu finden, das gehörte, wenn ich mich nicht irre, zum Programm der Berliner Schule. Dazu muss freilich der Nebel des »psychologischen Realismus« ein wenig gelichtet werden. Um, nun eben, das Elementare (wieder) zu finden.
In Christian Petzolds Filmen gibt es fast immer eine elementare Sub-Geschichte, eine Übertragung aus dem Bereich der B-Movies, der Literatur oder der Mythologie. Man muss die dann in ihrer zeitgenössischen Realisierung gar nicht mehr deutlich erkennen. Seine »Undine« jedenfalls, der erste Teil einer geplanten Trilogie zu Romantik und Elementargeistern (auf das Wasser folgen Luft und Erde), ist keine Rückkehr zum Mythos, sondern seine Realisierung. Das läuft auf eine scheinbar ziemlich einfache Frage hinaus, nämlich die, ob man einer Bestimmung folgen muss oder sich davon befreien kann. Oder anders gesagt, wann und wie ein Geist ein Mensch werden kann.
Die Geschichte ist einfach: Undine Wibeau arbeitet in einer Senatsstelle für Stadtentwicklung und bietet, das tun Elementargeister gerne, Führungen durch ihr Reich, die Stadt Berlin, an. Ihr Schicksal scheint sich zu erfüllen, als ihr Freund Johannes sich von ihr trennt. Nun nämlich müsste sie, der Vor-Schrift folgend, den untreuen Liebhaber töten und dorthin zurückkehren, wo sie herkam – ins Wasser. Bis ein anderer Mann kommt, der sie in seiner Einsamkeit beschwört, ihrer Schönheit verfällt und sie bald auch wieder verlässt, auf dass sie ihn töte und erneut in ihr Wellenreich zurückkehre. Aber diese Undine will weder töten noch Welle werden.
Was kann sie retten? Vielleicht ein Mann, der in beiden Welten, dem Land und dem Wasser, leben kann. Christoph, der »Industrietaucher«. Doch so einfach ist das nicht. Johannes kehrt zurück, und das bedeutet einen weiteren, einen umgekehrten Liebesverrat. Und Christoph erleidet einen Unfall und schwebt zwischen Leben und Tod. Undine kann ihn nur retten, indem sie ihren Fluch erfüllt.
Nicht dass die Geschichte damit zu Ende wäre. Mythos und Gegenwart, Traum und Wirklichkeit, Sinn und Sinnlichkeit drehen sich weiter umeinander. Und immer wieder gibt es dafür Bilder, in denen die beiden Ebenen heftig kollidieren: Mit einem berstenden Aquarium beispielsweise beginnt Undines Rebellion gegen die Bestimmung. Oder damit, dass sie möglicherweise nach »ewiger« Wiederholung von Liebe – Verrat –Tod auf einen Menschen trifft, der sie anders liebt. Denn das wahrhaft manische Verhalten in Undines Geschichte liegt nicht auf Seiten des Elementargeistes selber, sondern auf Seiten der Männer, die sich immer gleich verhalten in ihrer Mischung aus Verzweiflung, Begehren und Ignoranz. Es bedarf also nicht allein einer Undine, die im Sinne von Ingeborg Bachmann erklärt: Ich mache das nicht mehr mit! Sondern auch eines Mannes, der aus dem Modell der ewigen Wiederkehr männlichen Verhaltens heraustritt.

Es sind also zwei, die nicht mehr mitmachen. Und weil sie von Paula Beer und Franz Rogowski gespielt werden, die schon in Petzolds Anna Seghers-Variation »Transit« eine Begegnung in einem Zwischenraum wiedergaben, kann man davon ausgehen, dass es sich nicht einfach um eine »Lösung« oder gar ein Happy End handeln kann. Und doch um etwas unfassbar Glückliches, Zauberhaftes, Rebellisches.
Denn ganz nebenbei ist »Undine« auch ein Film über den Traumzustand Wasser. Und nun wirklich weniger mit Sigmund Freud als mit einer Unzahl von Bildern und Filmen zur Hand, die von einer Unterwasserwelt träumen, in der möglich ist, was draußen nicht möglich ist, und in der Tanz ist, was von draußen nur als Tod erscheint. Und im Gegenzug ist »Undine« auch ein Film über die Stadt, Berlin als Beispiel, das Kaputtgebaute und das durch Nähe Isolierte. Man kann das noch als Kritik lesen, aber es ist fast schon ein Schlussstrich. Man kann da nicht wirklich leben, weder als Elementargeist noch als Mensch.
Wenn gute Filme, und Petzolds ohnehin, immer einer Grundbewegung, einem Rhythmus von Wandern, Laufen, Fahren, Halten, Drehen etc. folgen, dann ist dieser Film tatsächlich der Bewegung einer Welle vergleichbar. Entsprechend bewegt man sich auch beim Zuschauen, einmal hochgetragen und dann wieder hinabgezogen, einmal kämpferisch schwimmend und dann wieder geschoben von der unwiderstehlichen Kraft des Flüssigen. Da passiert es schon mal, dass man die Orientierung verliert. Aber das ist vollkommen okay. Denn Romantik entsteht ja nicht aus der Abkehr vom Wirklichen, sondern durch einen Verzweiflungstanz mit ihr. »Undine« jedenfalls ist der Petzold-Film, in dem Realismus und Zauber so heftig aufeinanderprallen, dass dabei auch eine Katastrophe denkbar wird. Aber die liegt außerhalb des Kinos. Was darin geschieht kann man mit einem Wort beschreiben: Schönheit.

Georg Seeßlen

Fotos: © Schramm Film/Christian Schulz

 

UNDINE
von Christian Petzold, D/F 2020, ca90 Min.
mit Paula Beer, Gloria Endres de Oliveira, Jacob Matschenz, Franz Rogowski, Rafael Stachowiak, Maryam Zaree
Drama / Start: 02.07.2020

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