Ulrike Edschmids neuer Roman »Levys Testament«

Dicht geschrieben. Locker gefügt. »Levys Testament« umfasst keine hundertvierzig Seiten, in immerhin neunundvierzig Kapiteln. Die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Die Linke, die Szene der Hausbesetzer. Den Widerstand. Auf dem Hintergrund der politischen Kämpfe entwickelt sich eine Liebesgeschichte zwischen dem »Engländer« und einer deutschen Filmstudentin, in der die Geschichte des 20. Jahrhunderts aufscheint. Sogar »Die Welt« jubelte: »ein lebendiges Dokument eines historischen Bewusstseins«. »Levys Testament« schließt zeitlich direkt an einen früheren Roman der Edschmid an: »Das Verschwinden des Philip S.« (2013).

Die Ich-Erzählerin, die wieder einmal namenlos bleibt und sich gern, wie viele der Protagonisten von Ulrike Edschmid persönlich zurücknimmt, um Vorgänge und nicht Befindlichkeiten zu beschreiben, diese Frau fährt 1972 mit anderen Studenten der Berliner Filmakademie zu einem Festival nach London. Dort lernt sie einen jungen Mann kennen, den sie nur den »Engländer« nennt. So schafft sie Distanz, einen, wie sie glaubt, ungetrübten Blick von außen. Ihr Liebhaber stammt aus ärmlichen Verhältnissen. Seine Vorfahren, Juden, kamen auf Umwegen aus Odessa und Kiew schließlich nach England. Für die Erzählerin aber bleibt »der Engländer« ein »Siegertyp«, »einer mit Zukunft«.
Dessen Vater, ein stiller, eher unglücklicher Mann, blieb dem Sohn mit einem Satz für immer in Erinnerung: »They did not look after me«. Sie haben sich nicht um mich gekümmert. Es dauert fast ein Leben lang, bis dem Sohn die Bedeutung dieses Satzes aufgeht.
Aber der Reihe nach:
Der »Engländer« und die Ich-Erzählerin verfolgen im Gerichtsaal von »Old Bailey« die Prozesse gegen linke Anarchisten, Bombenleger und Terroristen, die strikt der Maxime folgten: Gewalt gegen Sachen (und nicht gegen Menschen). Sie sind »intelligent, gebildet, politisch-sozial engagiert, abgestoßen von der Warenwelt und der Macht des Geldes«.
Beide sind Sympathisanten dieser Szene. Beide sind der Überzeugung, dass sie von den Angeklagten »nur ein kleiner, einmal getaner Schritt auf die andere Seite« trennt. Ihre eigene Freiheit erfahren die beiden »als schmerzliches Glück, das am seidenen Faden hängt«. Beide kennen die Gretchenfrage jener Jahre: Was machst du, wenn die Meinhof oder Andreas Bader bei dir klingeln?
In Frankfurt, zu Zeiten des Häuserkampfs im Frankfurter Westend, ziehen sie in eine WG. Er spielt, wie ein späterer Außenminister, Fußball im Ostpark, leistet seine Fabrikarbeit. Die beiden unternehmen ausgedehnte Reisen quer durch Europa. Aber der »Engländer« entdeckt zunehmend andere Interessen, er baut eine Theatertruppe auf. Das Liebespaar trennt sich, sie bleiben aber weiterhin eng miteinander befreundet. Wo immer er mit der Truppe auftritt, versucht sie, die Stücke zu sehen. Der »Engländer« hat jetzt ein Leben, »das auf Karriere zugeschnitten« ist. Die Ich-Erzählerin versteht das nicht. Sie ist enttäuscht. Aber auch er hat bei allem Erfolg immer das Gefühl – »zu Hause ist er nirgends«.
Dann plötzlich ein überraschender Anruf aus England. Eine Cousine, die ihn zu einem großen Familientreffen nach London einlädt. Dieses Treffen mit all den Onkels, Tanten, Cousinen und Cousins erscheint ihm anfangs als eine Art Erlösung von dem lebenslangen Gefühl der »Fremdheit«. Er erfährt von seiner abgründigen Familiengeschichte, von Betrug und Lügen und vor allem von der zum Himmel schreienden Ungerechtigkeit. Der Großvater des »Engländers« musste nämlich allein für die Schuld büßen, die einst die ganze Familie zu verantworten hatte. Jetzt wird auch klar, was der Satz bedeutete: »They did not look after me«. Den »Schmerz hinter diesen Worten« haben die Betroffenen »mit ins Grab« genommen.
Es ist eine seltsame Verbindung, die die politische Geschichte der siebziger Jahre mit der europäischen Geschichte des letzten Jahrhunderts eingeht. Ulrike Edschmid verschränkt hier die Niederlagen der Neuen Linken mit den Hypotheken des alten Europas. Doch immer mal wieder blitzt ein Rest von Utopie auf. Beim Fußball im Frankfurter Ostpark. Und auch wenn Tottenham im Europapokal spielt. Die Hotspurs sind immerhin Achter in der ewigen Rangliste der Premier League. Und meistens in Europa dabei.

Sigrid Lüdke-Haertel (Foto: Ulrike Edschmid, © Sebastian Edschmid/SV)
Ulrike Edschmid: Levys Testament. Roman
Suhrkamp Verlag, Berlin 2021, 144 S., 20 €

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