»Styx«von Wolfgang Fischer

Ein Traum: Charles Darwin schuf gemeinsam mit seinem Kollegen Joseph Dalton Hooker mit Ascension Island ein neues Paradies, eine Art von »Terraforming« und Sinnbild für die Möglichkeit, Natur und Kultur miteinander zu versöhnen, ohne Ausbeutung und Unterdrückung.

Eine Wirklichkeit: Die Ärztin Rike ist in ihrem Job beim Notfallrettungsdienst gewohnt, rasche Entscheidungen angesichts von Lebensgefahr zu treffen, jeder Handgriff, wie wir es bei einem ihrer Einsätze miterleben, muss sitzen. Empathie und Technik bilden eine Einheit.
Ein Traum: Rike will mit der Yacht Asa Gay (benannt nach einem weiteren frühen Unterstützer von Darwins Lehre) von Gibraltar aus nach Ascension Island segeln. Allein. Und bei den Vorbereitungen sehen wir auch hier: Es kommt auf jedes Detail und auf jeden Aspekt der Planung an. Auch wir würden gern an diesem schönen Abenteuer teilhaben, das Wasser spüren und die Weite.
Eine Wirklichkeit: Nach einem Sturm entdeckt Rike ein havariertes Fischerboot, zwischen Cap Verde und Mauretanien, an Bord eine unbestimmte Zahl von Flüchtlingen aus Afrika, zu viel für das Boot auf jeden Fall, viel zu viele, als dass Rike sie an Bord ihres Schiffes nehmen könnte. Als sie die Küstenwache alarmiert, wird ihr dringend befohlen, sich von dem manövrierunfähigen Boot mit den möglicherweise kranken, möglicherweise in Panik verfallenden Flüchtlingen fern zu halten.
Für die Küstenwache scheint die Rettung eher Routine, man kann nicht einmal genau sagen, wann Hilfe eintreffen wird. Als Rike in wachsender Verzweiflung SOS-Rufe an alle Schiffe in ihrem Umkreis absetzt, muss sie erfahren, dass die Reedereien den Kapitänen untersagt haben, Flüchtlinge an Bord zu nehmen.
Von den Menschen, die über Bord gesprungen sind, erreicht nur der etwa 14-jährige Kingsley ihr Schiff. Sie versorgt den völlig entkräfteten Jungen. Der kann überhaupt nicht verstehen, warum sie nichts unternimmt, seine Leute zu retten. Nur mit Mühe kann sie ihn davon abhalten, wieder zurück zu schwimmen, und einmal wirft er sie sogar über Bord. Sie setzt alle Notsignale ein, die ihr zur Verfügung stehen. Vergebens.
Der Konflikt zwischen dem Impuls, zu helfen, und der Einsicht, dabei eher weiteren Schaden anzurichten, verschärft sich, je länger die Hilfe ausbleibt. Erst als sie es nicht mehr aushält, kommen die Rettungsboote der Cost Guard. Für viele der Flüchtlinge zu spät.
Wolfgang Fischer erzählt diese Geschichte so konzentriert und auch technisch detailgenau, dass man immer wieder das Gefühl hat, direkt dabei zu sein, in den kurzen Augenblicken des Glücks, der ozeanischen Vorfreude auf ein Paradies, und in der langen Zeit, in der Rike (Susanne Wolff durchlebt die Situation eher als dass sie sie »darstellt«) in ihrem moralischen Dilemma allein gelassen, so verzweifelt versucht, das Richtige zu tun. Aber das Richtige gibt es in dieser Situation nicht.
Die Genauigkeit und Konzentration (keine Backstories, keine Erinnerungen an Beziehungen oder Familie, keine Kommentare) macht es möglich, zugleich das Existentielle des persönlichen Dramas und die Modellhaftigkeit der Situation zu erkennen. Immer wieder wechselt der Film zwischen Nähe und Distanz, schaut nahe auf Gesichter und Handgriffe, um dann wieder aus der Vogelperspektive die wahren Dimensionen zu erkennen, baut eine Spannung auf zwischen dem subjektiven Erleben und der objektiven Ausweglosigkeit. Das Furchtbarste indes ist nicht die moralische und emotionale Falle, in der sich die Ärztin auf See befindet, sondern die Gleichgültigkeit der Welt, so wie ein Frachtschiffkapitän unumwunden zugeben muss, dass es für ihn wichtiger ist, seinen Job zu behalten, als Menschen zu retten. Styx, das Homerische »Wasser des Grauens«, wird von den Dämonen des Kapitals beherrscht.
Es ist die große Kunst dieses Films, eine exemplarische Kino-Situation mit einer politischen Metapher zu verbinden, ohne das eine an das andere zu verraten. Beides führt auf fundamentale menschliche Empfindungen und Entscheidungen zurück. Am Ende drückt Rike durch ihre stumme Verweigerung aus, dass sie nicht mehr Teil dieser politisch-medialen Erzählmaschine sein kann, die sich des Flüchtlingsthemas bemächtigt hat. So kann man auch den Film selbst als Geste des Widerstands sehen. Man muss nur hinsehen, man muss nur die Phrasen, Melodramen und Symbole weglassen, an die wir uns gewöhnt haben, man muss alles Moralisieren lassen um an den Kern der Moral zu gelangen. Ans Mensch-Sein. Dazu gehört: »Styx« ist nicht nur eine kinematografische Reiseerzählung und eine politische Metapher, es ist auch eine Tragödie, im ursprünglichsten Sinne. Und man spürt, wie wichtig, wie vital, wie widerständig Kino sein kann in Zeiten wie dieser. Wenn man es nur ganz und gar ernst nimmt.
Übrigens: Darwins Paradies musste scheitern, weil die Großmächte seine Insel als ökonomisches und mehr noch als militärisches Schlüsselpfand entdeckten. Die Militarisierung von Ascension Island, zum Beispiel beim Falkland-Krieg, ist mehr als ein makabrer Witz der Weltgeschichte. Das Paradies geht gründlich verloren. Immer wieder.

Georg Seeßlen (Foto: © Benedict Neuenfels)
STYX
von Wolfgang Fischer, D/A 2018, 94 Min.
mit Susanne Wolff, Gedion Oduor Wekesa, Kelvin Mutuku Ndinda
Drama
Start: 13.09.2018

Zu einer Sondervorstellung am 17. Sep. um 18 Uhr in der Harmonie am Lokalbahnhof wird Regisseur Wolfgang Fischer zu einem Filmgespräch kommen. Wir verlosen dazu 2 x 2 Freikarten. Senden Sie bis zum 15. Sep. eine E-Mail mit dem Stichwort »Styx« an verlosungen@strandgut.de

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