Steffen Jacobsens »Hybris«

Ein Einhorn heute, das ist ein Individuum mit perfekten Genen. Die menschliche Hybris beim anything goes für den makellosen Nachwuchs ist das Thema im vierten Thriller des Dänen Steffen Jacobsen, selbst Arzt und Vater von fünf Kindern. Seit seinem Erstling »Trophäe« – für meine Frau immer noch sein bestes Buch – hat Jacobsen das Instrumentarium beachtlich erweitert. Er schreibt auf internationalem Niveau, schweift mühelos durch die verschiedensten Kulturen und Lebenskreise. Der Prolog führt uns nach Batapora im indischen Kaschmir. Der Privatermittler Michael Sander (»ein menschliches Schweizermesser«) sucht dort nach dem verschwundenen Junkie-Sohn eines Kommunikationsmilliardärs, landet mit einer Bar-Bekanntschaft im Bett. Die Handlung setzt 15 Monate später ein. Polizeiinspektorin Lene Jensen vom Dezernat Personengefährdende Kriminalität ‑ gerade dabei, sich vom Fremdgeher Sander scheiden zu lassen – hat es mit einer jungen toten Frau zu tun, die vor acht bis zwölf Wochen ein Kind zur Welt gebracht hat. Sie stammt von den Philippinen, stellt sich heraus. Schätzungen der dortigen Polizei benennen die unvorstellbare Zahl von rund 550.000 jungen vermissten Frauen in den letzten zehn Jahren. Sander sucht derweil nach einer vermissten jungen Pianistin. Die Fälle verschränken sich, führen unter anderem in eine gynäkologische Praxis, in der es aussieht wie bei einem Rolex-Händler. »Ein Kind zu bekommen ist ein Schritt in die Unsterblichkeit«, heißt es an passender Stelle.
Das Rätsel der toten Leihmutter führt Lene nach Hamburg ins Polizeikommissariat Eimsbüttel und ins Bett einer Polizistin und das ungleiche Ermittlerpaar letztlich immer wieder zum Milliardär des Buchanfangs, der einen Japanfimmel hat und seit 15 Jahren dabei ist, einen perfekten Garten anzulegen. Irgendwann kommt eine rasiermesserscharfe japanische Kornsichel zum Einsatz und Michael Sander braucht all seine Entfesselungskünste, um dem »Kuss« zu entgehen, einem Kampfschlag des KGB – eigentlich zwei Schläge, die das Gehirn des Gegners ultrakurz in Schwingung versetzen. Jacobsen, der geschickt die Tempi wechselt und auch Action kann, hat erkennbar Spaß. Etwa mit Weisheiten wie »Lebe dein Leben nicht im Schatten gedachter Niederlagen« oder einem fleischfressenden Fernsehsessel oder wenn Céline Dion das Thema von »Titanic« intoniert.

Alf Mayer
Steffen Jacobsen: Hybris. Thriller.
Aus dem Dänischen von Maike Dörries. Heyne Verlag, München 2018.
Klappenbroschur, 384 Seiten, 15 Euro.

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