Städelmuseum zeigt »Tizian und die Renaissance in Venedig«

Flauschig, bauschig, knautschig: Ein süßes weißes Kaninchen und ein possierlicher gefleckter Schoßhund gehören seit Mitte Februar zu den Gaststars des Frankfurter Städels. Ersteres hält eine junge Mutter mit ihrer etwas grob geratenen Linken, letzteren drückt ein drolliges kleines Mädchen mit Lockenkopf an sich. Die beiden Kuscheltiere zierend zwei der bekanntesten Arbeiten des Venezianers Tizians, die das Museum mit 14 weiteren Gemälden plus ein paar Zeichnungen und Druckgrafiken des Meisters in der Ausstellung »Tizian und die Renaissance in Venedig« zeigt: die Louvre-Leihgabe »Madonna mit Kind und der heiligen Katharina sowie einem Hirten«, populär: Madonna mit dem weißen Kaninchen, die 1730 entstand, und das von der Berliner Gemäldegalerie ausgeborgte »Bildnis der Clarice Strozzi« aus dem Jahr 1746.
Im Sonnenuntergangsidyll des Madonna-Picknicks mit Supernanny und Baby-Jesus, das voller christlicher Symbolik (Äpfel, Erdbeeren, Trauben) steckt, streichelt übrigens am rechten Bildrand ein Schafshirte bei der Herde seinen Hund, wenn es denn kein schwarzes Schaf ist – und ein zweites Kaninchen, von dem man nur die Blume, sprich: das Hinterteil sieht, hoppelt aus dem Bild. Sehr viel profaner ist die Botschaft der Clarice-Eltern des Hauses Strozzi, die ihre mit Schmuck und Insignien des Reichtums überhängte Tochter als lukrative Partie anpreisen. Was nicht ganz geklappt hat, wie den ausführlichen Bildbeschreibungen des tollen Katalogs zu entnehmen ist, den wir hier schon mal empfehlen.
Die in erster Linie der Epoche gewidmete Schau ist mit insgesamt 114 Exponaten bestückt, darunter sind auch Arbeiten von Bellini und Bassano über Lorenzo Lotto und Veronese bis hin zu Tintoretto sowie einige korrespondierende Werke aus der eigenen Sammlung, etwa von Greco, dessen erste Station auf dem Weg von Kreta nach Spanien die Serenissima war, oder die Fotografie von Thomas Struth aus dem Louvre, auf der Tizians Kaninchen-Madonna zu erkennen ist. Dass die starke Präsenz des die Lagunenstadt mehr als 60 Jahre dominierenden langlebigen Genius (1490–1576) sie zur bislang größten in Deutschland gezeigten Tizian-Ausstellung macht, kann den Machern nicht wirklich unrecht sein. In erster Linie aber ist es die erste Überblicksausstellung zur venezianischen Malerei des Cinquecento in Deutschland. Keine Frage, dass Städel-Chef Philipp Demandt von einem erneuten Blockbuster für sein Haus ausgeht.
In acht thematisch – und nicht chronologisch – geordneten Kapiteln bereitet Kurator Bastian Eclercy den Großkomplex auf und gibt dabei reichlich Gelegenheit, auch andere Meister der Renaissance zu feiern. Ein wunderbare Gelegenheit bieten dazu die Belle Donne, Idealbilder von Frauen, die sich doch sehr von den unseren unterscheiden und, um im Streicheljargon zu bleiben, eine besondere Art der Bauchpinselei genannt werden könnten. Paris Bordones »Venezianische Frauen bei der Toilette« könnte man sich fast (!!) im nahen Caricatura mit den Insignien von Ernst Kahl vorstellen, so stilisiert wirkt ihre vollmundige Üppigkeit. Was aber nun keinesfalls für Bartolo Venetos freizügige »Flora« gelten kann, Frankfurter Städel-Freunden eine vertraute Größe. Obwohl sie in dieser Gesellschaft partout nichts verloren hat, entdecken wir auch die kleine Strozzi hier.
Einem aktuellen Männer-Magazin entnommen sein könnte dagegen Sebastiano del Piombos nahezu fotorealistisches »Portrait eines jungen Mannes in Rüstung« in der Abteilung der »Gentiluomini« sein. Alles andere als ein Geck dieser Knight in shining armour: Er weiß, wie gut er aussieht. Sich seines Zustands bewusst im gegenteiligen Sinn ist auch Tizians tief beeindruckendes Porträt des todkranken Dogen Francesco Venier.
Weitere Themen sind die Heiligen-Dialoge (»Conversazione Sacre«) mit herrlichen Bellini-Madonnen, das Vordringen der Landschaftsmalerei und last not least das leuchtende Venedig-Thema »Colorati«. Alles so schön bunt hier? Aber hallo!

Lorenz Gatt (Foto: © Städel)
Bis 26. Mai 2019: Di., Mi., Sa., So. 10–18 Uhr; Mi., Fr. 10–21 Uhr
www.staedelmuseum.de

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