Staatstheater Darmstadt wagt »Michael Kohlhaas« als Mehrgenerationenstück

Heinrich von Kleists Novelle »Michael Kohlhaas« ist eine Fallstudie darüber, wie ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl umschlagen kann in puren Hass. Und wie unter einem Willkürregime aus einem lokalen Konflikt ein Flächenbrand werden kann. In Anlehnung an eine historisch verbürgte Geschichte erzählt der Autor von einem Pferdehändler, der durch obrigkeitliche Schikane erst seine Pferde, dann im Ringen um sein Recht seine Frau und schließlich im Sinnen auf Rache jedes Maß verliert, um, so Kleist, »einer der rechtschaffensten einer der rechtschaffensten (zugleich) und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit« zu werden.
Unter der Regie von Dominic Friedel scheint es um diese Dialektik gehen: Darum, dass Recht und Ordnung nur die Kehrseite von Zeter und Mordio sind. Und in jedem Dr. Hyde ein Mister Jekyll schlummert. Die Schauspieler Victor Tahal und Béla Milan Uhrlau steigern sich gleich zu Beginn den berühmten Satz rezitierend in je eine Seite des gespaltenen Kohlhaas-Ichs. Weiter wird der Gedanke aber nicht verfolgt.
Friedels Inszenierung wagt es, uns den nicht nur sprachlich hochkomplexen Stoff als ein Kinderspiel zu servieren. Neben den beiden Schauspielern, zu denen sich später Judith Niederkofler vom Hausensemble und Karl Müller vom BürgerInnen-Theater (als Luther) gesellen, treten 15 zwischen 7 und 12 Jahre alte Jungs und Mädels auf, deren Stimmchen ein neues Kleist-Verständnis ebnen sollen.
Und so wird uns auf der zunächst flachen mit drei Baumskeletten und einer Hütte bestückten Bühne von Heike M. Goetze das Schicksal der geschundenen Pferde als kindliches Vorspiel präsentiert. Tahal und Uhrlau krabbeln, gesattelt und mit Decken behängt, auf alle Vieren dazu, um sich von einem der Benjamins unter Stockschlägen und Flüchen (»Schneller, du Drecksgaul«) kreuz und quer über die Bühne treiben zu lassen. Sechs ewige Minuten dauert das, bis ein größeres Mädchen dem kleinen Sadisten mit einem »Jetzt reicht’s« Einhalt gebietet.
Aus Pferden werden Menschen, aus der Hütte eine Art Ernst-May-Bau in Kranichstein mit Spielplatz bis zur Rampe, auf dem die nun vollzähligen Kids vom Block die Rollen für ihr Kohlhaas-Spiel verteilen. Bis hin zum Kleinsten, der den Schlagbaum machen darf, an dem das Unglück seinen Lauf nimmt. Die Großen fungieren als Spielertrainer und Spielverderber, die mal helfen, mal als lange Hand der Regie Szenen und Sätze wiederholen lassen, bis sie sitzen. Und das machen sie beeindruckend.
Also erleben wir ein Best of, das sich ganz auf die spielbaren Schlaglichter konzentriert. Laut und ausgelassen: der Sturm der Tronka-Burg, die Brandsetzung Wittenbergs. Einfühlsam berührend der Tod von Kohlhaas Frau. Es folgen die Begegnung mit Luther, das Gericht, die Fahrt zum Schafott und als Regie-Überraschung eine Himmelfahrt bei rieselndem Schnee. Dass das Stück im programm mit 1 3/4 Stunden ausgeschrieben ist, aber nur eine dauert, lässt ahnen, dass das kein Kinderspiel mit dem Kinderspiel war. Großer Beifall für die Kleinen.

Winnie Geipert (Foto: © Niklas Maak)
Termine: 24. u. 31. August, jeweils 19.30 Uhr
www.staatstheater-darmstadt.de

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