»Speed of Light« von Winston Roeth im Museum Wiesbaden

Seit vielen Jahren schon gehört das Museum Wiesbaden mit seinem neuen Direktor Andreas Henning zu den feinsten Museums-Adressen in Deutschland. Neben Jugendstil und Klassischer Moderne hat gerade die abstrakte Kunst der Moderne und Gegenwart in der hessischen Landeshauptstadt ihren Ort, wie jetzt wieder eine Sonderausstellung zeigt. Der 1945 in Chicago geborene und in New York und Maine lebende Maler Winston Roeth ist in Deutschland bisher noch wenig bekannt. Die Schau »Speed of Light« ist die erste größere museale Präsentation und steht in einer Reihe mit Ausstellungen von Joanna Pousette-Dart, Jerry Zeniuk, Joseph Marioni und David Novros, deren abstrakte Malerei das Museum Wiesbaden in den vergangenen Jahren präsentiert hat. Schon 2007 wurde das Museum, damals unter der Führung von Direktor Volker Rattemeyer, von der Internationalen Vereinigung der Kunstkritiker AICA zum »Museum des Jahres« gewählt.
Ausgangspunkt der Wiesbadener Schau ist die Arbeit »Quiet Night« aus der eigenen Sammlung, die der Künstler als eine Hommage an den Nachthimmel von Chicago versteht. Die Malerei auf Schieferplatten in dunklen Blau- bis Violett-Tönen verdeutlicht perfekt Roeths Idee, Lichtstimmungen wie Momentaufnahmen, fast wie fotografisch zu speichern.
Roeths Malerei wird in vielen Schichten aufgebracht, doch sie ist monochrom. Sein Bildträger sind Schiefer- oder Holztafeln, Papier oder Aluminiumplatten, die selbst eine materielle Qualität haben und immer jeweils nur eine einzige Farbe zeigen, abgesehen von der Idee, diese gelegentlich mit einem andersfarbigen Rand zu versehen. In der Kombination mehrerer Tafeln zu einem großen Werk liegt eine weitere Besonderheit dieser Kunst. Zum Farbraum gesellt sich die Zerfurchung des natürlichen Trägermaterials: Feine Maserungen und Bruchspuren sind weiterhin sichtbar und lassen ein Spiel aus Licht und Schatten entstehen. Dieses unterläuft die optische Wirkung der aufgetragenen Farbe, sagt Museumskurator Jörg Daur.
Die Malerei des Künstlers sei eine Untersuchung der Farbe, von Farbton, Farbraum, Farbauftrag, so sieht es der Kurator. Und tatsächlich verstehen wir beim Durchschreiten der schönen, lichten Museumsräume immer mehr, was der Künstler selbst meint, wenn er sagt, dass sich der Rhythmus seiner Kunst mit dem Licht sowie der Position und den Bewegungen der Betrachtenden immer wieder verändert.
Der klare, einfache, farbige Minimalismus dieser Bilder bleibt nicht abstrakt, sondern verweist immer wieder auf Vorgänge in der Natur. Man assoziiert helles Sonnenlicht oder dunkle Nacht – und so viel dazwischen. Roeths Kunst entsteht unter anderem auch in seinem Landhaus in Maine, einem ganz besonderen Ort nahe der Natur mit viel Ruhe und Licht. So asketisch diese Kunst im ersten Moment wirkt, so vielgestaltig und üppig erscheint sie dem Betrachter nach einer Weile. Sie ist reicher als man anfangs denkt. Auch wirkt sie bei verschiedenen Lichtverhältnissen immer unterschiedlich.
Ungewöhnlich für einen Maler der Abstraktion sind auch die erhellenden Titel der Bilder, von denen viele Leihgaben aus dem Ausland sind. Sie heißen »Sahara«, »Easy Lover«, »Green River« oder »Almost white«. Und sie verdeutlichen noch einmal, dass sich die Kunst von Winston Roeth immer zum echten Leben, zu den Naturerscheinungen öffnet. Die Sinnlichkeit dieser abstrakten Kunst, die Energie, welche sie ausstrahlen, die große Präsenz, die Feinheit der Nuancen – all das macht diese Farbflächenmalerei zu einem vitalen Abenteuer.
»Die Pigmente selbst enthalten Geschichte und ein vielschichtiges Wissen. Ihre stoffliche Farbe vermag sich in Licht, das Leuchtkraft besitzt, zu verwandeln. Licht, das hervorspringen und die Betrachtenden packen kann, eine Farbsättigung, die pulsiert vor tiefem Glühen.« Winston Roeth spricht über seine seit den 1970er Jahren entstehenden Arbeiten mit Verve. Und am Ende des Rundgangs durch die sehenswerte Ausstellung mit über 30 großen Werken aus allen Schaffensphasen steht die Erkenntnis: Die Farbe ist der eigentliche Inhalt und das Abenteuer dieser Kunst.
Roeth malt ohne kompositorische Hierarchie, speichert Lichtstimmungen und entführt den Betrachter in eine ganz eigene Welt aus Licht und Farbe. Verlässt man das prächtige, 1920 erbaute Museum, tritt man die Treppen herab auf die Wilhelmstraße, die »Rue«, wie man sie in Wiesbaden nennt, und blinzelt in die Sonne, dann versteht man das, was man gerade drinnen erlebt hat, noch ein wenig besser.
Auch im 21. Jahrhundert hat die monochrome Malerei nicht ihren Reiz verloren. Dekaden nach Yves Kleins »Blue Monochrome«, nach den weißen Bildern von Raimund Girke oder mehr als hundert Jahre nach Kasimir Malewitschs »Schwarzen Quadraten« ist die monochrome Farbfeldmalerei noch nicht an ihrem Ende. Weiter regt sie in ihrer Konzentration unsere Phantasie an, brilliert in der »Unterschiedlichkeit des vermeintlich Ähnlichen«.
Die engsten Vorbilder dieser Kunst sind dort zu suchen, wo die strenge, abstrakte Haltung auf das Leben selbst trifft. Etwa im Werk Mark Rothkos, der einmal geschrieben hat: »Ein Bild lebt durch die Gesellschaft eines sensiblen Betrachters, in dessen Bewusstsein es sich entfaltet und wächst. Es stirbt, wenn diese Gemeinschaft fehlt.« So wie Rothko scheint sich auch Roeth für die grundlegenden menschlichen Emotionen zu interessieren, auch wenn man es seinen Bildern nicht gleich ansieht. Aber nach dem Besuch der Ausstellung in Wiesbaden, denkt man sich: Doch, auch dieser abstrakte Farbflächenmaler ist eigentlich ein gefühlvoller Romantiker.

Marc Peschke

Foto: Porträt Winston Roeth
© Bernd Fickert

Zur Ausstellung ist die Publikation »Speed of Light« im Dr. Cantz’sche Verlag erschienen. Der Katalog kostet 24 Euro.
Museum Wiesbaden
Bis 21. Februar 2021: Di., Do., 10–20 Uhr; Mi., Fr., 10–17 Uhr; Sa., So., 10–18 Uhr
www.museum-wiesbaden.de

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