Shakespeares »Richard III« im Wiesbadener Staatstheater

Es wird gemordet, gelogen, gejammert und gekämpft. Zahlreich und kaum zählbar sind die Toten, die unter den Brettern der Bühne verschwinden. Selbst die Hochzeiten gleichen Trauerfeiern, sind sie doch Ausdruck eiskalten politischen Kalküls. Mit »Richard III« erwartet den Zuschauer harte Kost.
Ingo Kerkhof läutet mit Shakespeares Drama am Wiesbadener Staatstheater die neue Spielzeit ein. Klassisch inszeniert er den letzten Teil der York-Tetralogie (Deutsch von Thomas Brasch) und lässt dabei auf angenehm subtile Weise seine eigene Handschrift durchklingen. Um die Zuschauer gleich an das Morden zu gewöhnen, beginnt das Stück mit dem Ende des dritten Teils: Richard ersticht heimtückisch den König Heinrich VI., der im Tower an seinem Schreibtisch sitzt. Bis Richard genau dasselbe Schicksal widerfahren, und so der grausame Kreis geschlossen wird, ist auf der Bühne einiges los: Zehn Morde, zwei Hochzeiten und zahlreiche Intrigen nebst wüsten Verwünschungen werden auf gut drei Stunden konzentriert. Dabei haben acht Schauspieler eine Doppelrolle und müssen in teilweise kurzer Zeit beeindruckend traditionell nachempfundene Kostüme (Inge Medert) wechseln.
Doch im Mittelpunkt steht ohne Frage Tom Gerber, der in der Rolle des niederträchtigen und grausamen Richard brilliert. Da er, wie dieser selbst sagt, zu hässlich zum Lieben ist, hasst und manipuliert er seine Mitmenschen nach allen Regeln der Kunst: Kurios, wie er Lady Anne seine Schuld am Tod ihres Vaters und Gatten gesteht und sie gleichzeitig um ihre Hand bittet. Grandios, wie er Königin Elisabeth, deren Söhne er ebenfalls auf dem Gewissen hat, gegen Ende hin überzeugt, ihm ihre Tochter zur Frau zu geben. Auch als Zuschauer kann man sich seinem Charme zunächst kaum entziehen. Gefällt er anfangs noch durch seine Wortgewandtheit und sein Kokettieren mit seinen körperlichen Beeinträchtigungen, verwandeln ihn die Insignien der Macht in einen paranoiden Wahnsinnigen, der selbst Kinder (den Kronprinzen Edward von Wales und dessen Bruder) umbringen lässt.
Und so eint die eigentlich verfeindeten Frauen, Königin Margaret aus dem Hause Lancaster und Königin Elisabeth aus dem Hause York, der Hass auf Richard. Besonders Sólveig Arnarsdóttir als furchteinflößende Königin Margaret verflucht ihn ein ums andere Mal, bis ihre Worte letztendlich erhört werden: »Blutig sei dein Schluss, der Mord, der Freund, geb dir den Abschiedskuss.«
Kerkhof variiert das Finale: Richard III fällt bei ihm nicht auf dem Schlachtfeld, sondern schon am Abend zuvor am Schreibtisch: Die Geister aller von ihm Gemeuchelten erscheinen und rächen sich an ihm: à la Mord im Orientexpress sticht jeder einmal zu – genauso wie er es zu Beginn mit Heinrich VI tat. Kerkhof lässt Shakespeares Stück in seiner Zeitlosigkeit für sich sprechen – in einem sehr sehenswerten Theaterabend. Von all den Richards, Edwards und Heinrichs darf man sich nicht abschrecken lassen: Zur Not hilft die Legende des Programmheftes weiter.

Verena Rumpf (Foto: Karl Monika Forster)
Termine: 22., 23., 26. November, 19.30 Uhr
www.staatstheater-wiesbaden.de

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