Senckenberg Naturmuseum veranstaltet die erste Dinograbung in Frankfurt

Sie reden immerzu nur vom »Graben«, die Geologen im Senckenberg Naturmuseum, als seien sie mit Spaten und Schippe angerückt. Doch wenn man auf die Werkzeuge schaut, mit denen sie die 20 massiven Gesteinsquader aus Wyoming im Hof des Hauses penetrieren, dann sieht das eher wie beim Zahnarzt aus. Wie der Hochdruckstichel HW 70, der Projektleiter der neuen Senckenberg-Schau Philipe Havlik aus der Geräteschublade holt. Mein Stehnachbar in 1,5 Meter Entfernung beweist Fachkompetenz und erkennt in dem Teil sofort »die schwarze Sau«, um sich prompt von Havlik belehren zu lassen. Die schwarze Sau sei der 60er …
Wir befinden uns auf der überdachten Besucher-Empore einer orange leuchtenden offenen Halle zu Füßen des Museum-Cafés. Unter uns, in der Mitte des container-artigen Carrés liegt »Edmonds Urzeitreich«, eine in vier mal vier gleichgroße Blöcke gesägte Steinplatte aus der Lance Formation, dem US-amerikanischen Paläontologen-Paradies, die das Museum schon im Februar in Schiffscontainern nach Frankfurt transportieren ließ. Wie pralle Zementsäcke liegen sie da, knapp zwei Tonnen schwer das Stück, 30 Tonnen das gesamte Paket – noch, denn nun wird Block für Block abgebaut. Havlik geht davon aus, in diesem »Bonebed«, Knochenlager, genannten Sedimentblock rund 1.000 fossile Funde »ausgraben« zu können – Spuren von Lebewesen, die vor 70 Millionen Jahren in der späten Kreidezeit die Erde bevölkerten und damit Zeitgenossen oder gar Weggefährten des Frankfurter Hausstars Edmond sind.
Der Edmontosaurus Rex fand in Gestalt seines bestens erhaltenen Skelettes für den Preis von 2.500 damaligen Mark schon 1911 aus Wyoming nach Frankfurt und wartet nur ein paar Meter vom Pavillon entfernt im Kellergewölbe des Senckenberg auf Besucher. Hier lässt sich viel über die konservatorischen Besonderheiten der Öde Wyomings, über eine Art Bone-Rush, den die Gegend vor anderthalb Jahrhunderten erlebte, aber auch über das gefahrvolle Leben des in riesigen Herden lebenden Entenschnabelsauriers erfahren, der sich, mit bis zu 1.400 nachwachsenden Mahlzähnen gerüstet, von Pflanzen ernährte, selbst aber bevorzugte Speise des Tyrannosaurus Rex war. Dies Schicksal blieb dem ungefähr sieben Meter langen und etwa sieben Jahre alten Edmond zwar erspart. Hinweise auf die Ursache seines frühen Todes gibt es aber nicht. Bis zu 30 Jahre alt und etwa doppelt so lang hätte er werden können.
Übrigens, von einer kurzen Einführungen abgesehen, gibt es im und um den Pavillon keine Erklärungstafeln oder Informationstexte. Die in Kooperation mit dem Frankfurter Kunstverein entstandene Präsentation der Grabungsarbeiten zielt ganz auf den direkten Dialog der Besucher mit den Experten. Was am Ende alles gefunden wird, weiß allein der Stein. In den ersten beiden Monaten ihrer zunächst bis Oktober terminierten Arbeit haben die Forscher bereits Knochen von Krokodilen und Schildkröten freigelegt. Im oberen Bereich des versteinerten Schwemmlandes werde man vorwiegend Einzelteile finden, die es dann zu identifizieren, untersuchen und zu verorten gilt. Spuren von Edmonds Hauptfeind sind bisher noch nicht dabei, lässt uns eine kleine Schiefertafel im inneren Arbeitsbereich wissen: »79 Tage T-Rex-freier Arbeitsplatz« steht dort – vier Wochen ist das her – angeschrieben.
Bis zu 18 Personen gleichzeitig ist unter Corona-Bedingungen von der Besucherempore aus der Blick auf die Arbeit der Paläontologen erlaubt, bis zu vier arbeitende Experten des Museums und der Universität sind jeweils zugange und stehen für Auskünfte zur Verfügung. Der ursprünglichen Plan, die Besucher selbst an den Ausgrabungen teilhaben zu lassen, fiel mit der Viruskrise flach, was freilich nicht endgültig sein muss.

Lorenz Gatt (Foto: © Die Infografen)

Bis 25. Oktober: Mo.–Fr., 9–17 Uhr; Mi. 9–20 Uhr; Sa., So., 9–18 Uhr
https://museumfrankfurt.senckenberg.de

Am Wochenende nur mit Voranmeldung.

Aufgrund der aktuellen Hygiene- und Abstandsregeln sind Wochenend- und Feiertagsbesuche im Senckenberg Naturmuseum derzeit generell (auch für Dauerkartenbesitzer und Mitglieder) nur mit Vorreservierung über die Internetseite https://museumfrankfurt.senckenberg.de möglich. Infos gibt es auch unter 069/7542-1178.

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