Schauspiel Frankfurt zeigt »Jedermann (stirbt)« von Ferdinand Schmalz

Die Uraufführung am Burgtheater Wien im Februar 2018 war umjubelt, der enthusiasmierte Schreiber der FAZ wünschte sich in seiner Kritik von der Leitung der Salzburger Festspiele sogar, doch bitte das seit 1920 jährlich auf der Domplatte der Salzachstadt anstehende Kultspiel »Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes« von Hugo von Hofmannsthal durch die eben gesehene Adaption »Jedermann (stirbt)« von Ferdinand Schmalz zu ersetzen. Erhört wurde er nicht, wie wir alle spätestens seit dem Rummel um Valery Tscheplanowas sündiges Buhlschaft-Outfit im Vorjahr wissen. Nun wird das Werk am Schauspiel Frankfurt als deutsche Erstaufführung gezeigt.
Schmalz hat in seiner Adaption dem schon 1911 entstandenen antinaturalistischen Klassiker eine zeitgemäße Form verpasst, ohne die Vorlage zu verraten. Selbst dem Versmaß Hofmannsthals zollt der Österreicher, der das freilich auch großartig beherrscht, Respekt und schafft es dabei, modern und heutig zu bleiben. Obwohl der in Graz geborene Sprachvirtuose neben seinem Linzer Kollegen Ewald Palmetshofer der meistgespielte zeitgenössische Autor seines Landes sein dürfte, sind seine Stücke in unserer Region absolute Raritäten. Zuletzt gab es hier von ihm nur den »Herzerlfresser« in Mainz (Strandgut 02/2019) und als Gastspiel des Deutschen Theaters Berlin zu den Frankfurter Positionen »Der Tempelherr« zu sehen.
Frankfurt bringt den neuen Jedermann in Star(k)-Besetzung auf die große Bühne. Mit Jan Bosse, dessen großartiger »Richard III« am 11. Januar nach zweieinhalb Jahren ein letztes Mal zu sehen ist, kümmert sich einer der profiliertesten deutschen Regisseure um den Stoff. Und ein Großteil seines Richard-Teams auch. Wolfram Koch, prominenter und besser geht’s nicht, wird als Jedermann zu erleben sein, und mit ihm, wie er dem Strandgut schon mal vorab verrät, in einer spektakulären – von Schmalz gesetzten – Doppelrolle als Tod und Buhlschaft die kongeniale Mechthild Großmann.
Jedermann? Tod? Buhlschaft? Die Figuren gehen auf ein mittelalterliches Mysterienspiel zurück, in dem Gott aus Frust über seine Schöpfung den Tod ausschickt, den vermögenden Jedermann mitten aus seinem gottlosen Leben zu reißen. In der Konfrontation mit dem großen Gleichmacher wird dem Egoisten zwar Aufschub gewährt, einen Getreuen zu finden, der mit ihm die letzte Reise antritt, doch stößt der Todgeweihte bei seiner Suche auf wenig Resonanz. Es sind die Symbolträger der Todsünden, die sich ihm sämtlich verweigern, allegorische Figuren wie der Mammon oder die Buhlschaft, aber auch die gute Gesellschaft. Dass er am Ende dann doch in den Himmel kommt, macht der Glaube.
Bei Ferdinand Schmalz dagegen wird Jedermann als selbstherrlicher Banker präsentiert und folglich ein Heimspiel in Frankfurt haben, bevor er zum Niemand mutiert. Gestorben wird indes noch immer und keineswegs einfacher in einer das Jenseits gänzlich verwerfenden Gesellschaft. Es sei die »tolle neue Sprache« von Schmalz, die seine Figuren auf eine subtile Weise noch weit verlorener, einsamer und brüchiger – und mithin moderner – wirken ließen als die seines Vorbilds, zeigt sich Wolfram Koch beeindruckt. Ort der Handlung werde die Party sein, die Jedermann abgeschottet zelebriert, während vor seinen Toren der Punk abgeht und Aufstände losbrechen. Man wisse nicht so recht, so Koch weiter, wie real dieses Fest ist, es könne auch ein Alptraum sein, der sich als Totentanz offenbare.
Bis zur Premiere in sechs Wochen sei noch vieles möglich, auch ein Gang vor die Türen. Auf überspitzte Aktualisierungen oder gar ein Reenactment der Blockupy-Demo vor dem Schauspielhaus sollte man eher nicht spekulieren.
Neben Großmann und Koch gehören Katharina Bach als Mammon, sowie Isaak Dentler und André Meyer als dickdoofes, opportunistisches Vetternpärchen, Heiko Raulin als teuflisch gute Gesellschaft, der göttliche Peter Schröder (natürlich) als Gott und das Studiomitglied Simon Schwan als Alter Ego und Mutter Jedermanns zur Besetzung. Als dritter Gast spielt Manja Kuhl (zuletzt Schauspiel Stuttgart) Jedermanns Gattin auf der von Stéphane Laimé irgendwo zwischen guarded partyground und Totentanz-Parkett hergerichteten Bühne.

Winnie Geipert (Foto: Ferdinand Schmalz, © Regina Laschan)
Termin: 31. Januar, 19.30 Uhr, weitere im Februar
www.schauspielfrankfurt.de

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