Schauspiel Frankfurt: Tim Croachs »An Oak Tree« überrascht im Kammerspiel

Dieser Abend ist gekennzeichnet durch eine Besonderheit. Es steht eine Schauspielerin auf der Bühne, die nicht weiß, was geschehen wird. Diese Schauspielerin – oder eben ein Schauspieler – wechselt von Vorstellung zu Vorstellung. Sie wird angeleitet von ihrem Spielpartner, der sie zu Beginn darüber aufgeklärt, dass sie in der Gestaltung frei ist. Üblicherweise spielt der britische Dramatiker, Schauspieler und Regisseur Tim Crouch den wissenden Teil in seinem 2005 in Edinburgh uraufgeführten Zweipersonenstück »An Oak Tree« (Die Eiche) selbst, für die Kammerspiele des Frankfurter Schauspiels hat er es erstmals mit einem anderen Darsteller in dieser Rolle inszeniert.
Es ist die Geschichte eines familiären Traumas, die sich erst nach und nach über die raffiniert gefügten unterschiedlichen fiktionalen Ebenen hinweg erschließt. Eine dieser Ebenen, auf der von Loriana Casagrande mit wenig mehr als ein paar Stapelstühlen und einem Klavierhocker ausgestatteten Bühne, ist die einer Hypnoseshow. Mit einer bewundernswerten Emphase gibt Sebastian Reiß den Hypnotiseur mit seinem abgebrühten, kabarettistisch flotten Showgebaren. Er lässt freilich immer wieder die Maske fallen und es kommt der fühlende Privatmann hervor.
Die andere Rolle, bei der Premiere übernommen von der großartigen Heidi Ecks, spaltet sich in mehrere auf. Zentral jedoch geht es um einen Familienvater im mittleren Alter. Wunderbar die launige pointierte Verhaltenheit, die Ecks als Grundton angeschlagen hatte.
Das Trauma geht auf einen Unfall zurück. Auf dem Weg zu ihrer Klavierstunde ist die Tochter von Andreas, dem Vater, von einem Auto angefahren worden und tödlich verunglückt. Sie hat Kopfhörer getragen und nicht richtig aufgepasst. Ihr Vater hat den Namen des Fahrers des Unfallwagens auf dem Plakat zu der Hypnoseshow gesehen und daraufhin beschlossen, die Vorstellung zu besuchen – und sich als Freiwilliger für die Hypnose gemeldet.
Des Todes seiner Tochter wegen ist er derart massiv psychisch angeknackst, dass seine Frau von einem »Verschwinden« seiner Persönlichkeit spricht und mit der Trennung droht. Der polizeilichen Untersuchung zufolge trifft den Hypnotiseur keine Schuld, doch auch er ist traumatisiert und davon umgetrieben, jemanden umgebracht zu haben.
In seiner Verwebung ist dieses Stück hochgradig konstruiert, vorzuwerfen braucht man ihm das nicht. Über die eineinviertel Stunden hinweg vermag es einen zu packen. Tim Crouch versteht Theater als Konzeptkunst, er hinterfragt die Mittel der Theaterfiktion, bei aller Metaebene indes ist dieses Stück »gut gebaut« in einem typisch britischen Sinne. Das steht und fällt naturgemäß mit den Schauspielern. Die haben das bei der Premiere ganz fabelhaft gemacht – und das Ensemble des Frankfurter Theaters ist derart gut besetzt, dass ein mehrfacher Besuch dieses Abends interessant sein dürfte.

Stefan Michalzik  (Foto: Robert Schittko)
Termine: 20. Januar, 18 Uhr; 24. Januar, 20 Uhr
www.schauspielfrankfurt.de

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