Schauspiel Frankfurt: Jan-Christoph Gockel legt die »Orestie« von Aischylos mit Puppen frei

Sie ist das Spätwerk schlechthin des Aischylos und gilt als sein großes Vermächtnis: die im Jahr 458 vor unserer Zeit, zwei Jahre vor seinem Tod, uraufgeführte Trilogie »Orestie«. Nachdem in den ersten zwei Teilen seines Siegerbeitrags zum Stückewettbewerb der Dionysischen Feste in Athen das von den Göttern gedrehte Schicksalsrad noch eine Generation nach der anderen zermalmt, kappt Aischylos im dritten (»Die Eumeniden«) die Todesspirale. Nach den gewaltsamen Toden von Agamemnon, Kassandra, Klytaimnestra und Aigisthos lässt er auf Initiative Athenes erstmals institutionell per Abstimmung über die Schuld des Mörders Orest, des logischen nächsten Opfers im Gewaltkreislauf, befinden: der Sieg des Rechts über die archaische Blutrache.
Für den Regisseur Jan-Christoph Gockel wird die »Orestie« die erste Inszenierung eines antiken Klassikers und sein Debut im Schauspielhaus sein. In den Kammerspielen brachte Gockel bisher Franz Kafkas »Die Verwandlung« und Konrad Küsperts satirisches Politformat »sklaven leben« auf die Bühne, inszeniert aber seit vielen Jahren regelmäßig am Staatstheater Mainz (aktuell »Ljod« von Sorokin). Wie so oft in den vergangenen zehn Jahren nutzt der Theatermacher dafür die Künste des Puppenbauers (und Schauspielers) Michael Pietsch, dessen Figuren auch für die sie führenden Schauspieler die Möglichkeiten der Darstellung enorm erweitern. Zumeist sind Pietschs Marionetten und Handpuppen verblüffend ähnliche Wiedergänger und Alter Egos der Bühnenkünstler. In der Orestie, so lässt Gockel wissen, werden sie als zum Leben erweckte klassische Torsos erscheinen: traumatisierte Abbilder ihrer selbst in heroischen Posen.
Noch bevor das eröffnende erste Wort des Wächters falle, werde seine Inszenierung auf einer in Trümmer getauchten Bühne von Julia Kurzweg der Frage nachgehen, wo das Morden begonnen hat, verrät Gockel. Weit über das Windopfer Iphigenie und den Raub der Helena hinaus. Man könne diesen Zugriff auf das uns bis heute beschäftigende Stück auch als archäologische Freilegung betrachten, die nicht auch seine Rezeptionsgeschichte einschließe – von Heiner Müller über Christa Wolf und Günther Schwab bis hin zu Heinrich Schliemann.
Dass ausgerechnet das hehre, unsere Rechtsordnung begründende Orestie-Finale im Vergleich zu den familiären Konflikten ein dramatisches Ödland ist, sieht auch Gockel so. Als Regisseur von »sklaven leben« will er freilich nicht übersehen und übergehen, dass wie vor 2.500 Jahren die Polis auch unser politisches System eine exklusive Inselsituation auf Kosten vieler anderer beschreibt.Auch der Konflikt der Generationen ist für ihn ein zentrales Motiv dieses Werks. Der Aufstand gegen ein Erbe, das für Orest und Elektra, noch bevor sie beginnen, ihr Leben zu leben, die Zukunft determiniert, mache die »Orestie« mit ihrem Demokratie- und Friedensversprechen nicht minder modern wie das plötzlich auftauchende Prinzip der Blutrache auf der großen Weltbühne.
Gespielt wird nach der Übersetzung von Peter Stein. Mit im Boot der Demokratie sitzen Altine Emini (Elektra), Torsten Flassig (Kassandra), Sebastian Kuschmann (Agamemnon), Katharina Linder (Klythämnestra), Michael Pietsch (Apollon), Christoph Pütthoff (Wächter), Samuel Simon (Orest) und Andreas Vögler (Aigisthos) sowie der Musiker Matthias Grübel. Alle zusammen bilden sie den Chor. Aufmerksame Leser werden fragen, wo denn Athene abgeblieben ist. Das weiß der ausgestopfte prometheische Geier, der über allem schwebt und natürlich nicht fehlen darf hier.

Winnie Geipert
Termine: 22., 24., 28. Februar, 19.30 Uhr
www.schauspielfrankfurt.de

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