Schauspiel Frankfurt: Andreas Vögler spielt den Maurerpolier John in »Die Ratten«

Zufall oder Verheißung? Zum dritten Mal binnen eines Jahres tritt Andreas Vögler in einer Paarbeziehung zu Patryzia Ziolkowska auf. Und zum dritten Mal endet dies für die jeweilige Gattin grausam – weshalb wir hier auch gar nicht erst mit dem Begriff Traumpaar operieren. Sehr viel deutlicher als in dem von Regisseur Luc Perceval jeweils vierfach besetzten »Wut und Gnade« von Patrick Marber, in dem es um den Krebstod seiner Frau geht, fiel das in Ewald Palmetshofers Adaption von Gerhart Hauptmanns »Vor Sonnenaufgang« (Regie: Roger Vontobel) aus. Vöglers zynischer Jungunternehmer Thomas Hoffmann bleibt darin nicht eben schuldlos am Drama seiner totgebärenden Martha. Auch in Hauptmanns »Die Ratten« scheint seine Figur, der Maurerpolier John, nur vorderhand integer. Je mehr er sich mit diesem Mann beschäftige, meint Vögler im Gespräch drei Wochen vor der Premiere, desto suspekter, desto narzisstischer und egoistischer erscheine dieser ihm in seinem Selbstmitleid. In einer intakten Ehe hätte es zu Jettes Selbstmord, mit dem die 1909 verfasste und hier mal als bekannt vorausgesetzte naturalistische Milieutragödie im Wohnungselend von Berlin endet, nicht kommen müssen.
So manches im Vorfeld der Saisonpremiere erinnert an das Vorjahr, als »Der haarige Affe« nach der kurzfristig notwendigen Ersetzung eines erkrankten Regisseurs für alle Beteiligten wohl suboptimal geriet. In diesem Jahr ist Intendant Anselm Weber besser dran, blieb ihm doch dank der zeitgleich für das Kammerspiel erpflichteten Regisseurin Felicitas Brucker Zeit genug, die Weichen neu zu stellen. Witold Gombrowiczs »Yvonne, die Burgunderprinzessin« unter der Regie von Mateja Koleznik ist verschoben, die am Volkstheater Wien und vor allem in Basel profilierte Frankfurt-Debütantin inszeniert nun am Großen Haus – und mit großer Besetzung. Mit zwölf Ensemble-Mitgliedern wird die Aufführung für hiesige Verhältnisse üppig bestückt. Und das scheint nicht nur großes Schauspiel und Schauspielertheater zu versprechen. Nach allem, was er bisher verlässlich sagen könne (und wolle), arbeite die Regisseurin sehr genau nach der literarischen Vorlage und mit deutlichem Fokus auf die psychologischen Motive der Figuren. Deshalb werde weniger die Klassenfrage als der gesellschaftliche Mikrokosmos dieser Mietskaserne im Zentrum stehen: die Verarbeitung des frühen Todes des ersten Sohnes der Johns, das Verdrängen und vielleicht mehr noch das kollektive Wegschauen der Mitbewohner.
Wie die Bühne von Dirk Thiele Galizia aussehen wird, soll natürlich eine Überraschung werden. Nur so viel: sonderlich naturalistisch wird sie nicht. Jette Johns im dramatischen Kindswunsch gipfelnde Suche nach Halt und einer intakten Familie sei vor dem Hintergrund einer als fragil und zunehmend bedrohlich zu erfahrenden Gesellschaft keineswegs historisch zu nehmen. Abseits des eher künstlichen Berlinerns bei Hauptmann, das auch in Frankfurt zu hören sei, werde das materielle Elend eher gedimmt wahrnehmbar und der lokale Bezug völlig ohne Bedeutung sein. Die Ratten, darf man schließen, sind immer und überall.

Winnie Geipert
Termine: 6., 7., 9., 15., 22., 23. September 2019
www.schauspielfrankfurt.de

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