Remake. Frankfurter Frauen Film Tage

Die Diva trat in nicht weniger als siebzig Filmen auf, doch nicht mal die Hälfte davon ist erhalten. Und mit Nielsen sind, bis in die Gegenwart, unzählige nonkonformistische weibliche Filmschaffende in Gefahr, ignoriert und vergessen zu werden. Der 1999 gegründete Verein Kinothek Asta Nielsen hat sich der Mission verschrieben, nicht nur Nielsens Schaffen, sondern all die anderen verschütteten Werke und missachteten Pionierinnen der Filmgeschichte sichtbar zu machen. In dieser bundesweit einzigartigen Institution betreiben die Initiatorin, die Filmkuratorin und Dozentin an der Frankfurter Uni, Karola Gramann sowie die emeritierte Filmwissenschaftlerin Heide Schlüpmann, Filmwissenschaftlerin Gabi Babic, und weitere cinephile Helferinnen nicht nur Filmarchäologie. Sie stöbern auch in Archiven und sammeln Cinemabilia. Sie sorgen auch dafür, dass wiedergefundene Zelluloid-Kopien restauriert und im Originalformat im Kino zu sehen sind, veranstalten Werkschauen und Workshops.
Diese jahrzehntelange Arbeit mündet nun in ein Frankfurter Frauenfilmfestival, das regelmäßig stattfinden soll. Das Festival ist als Mischung aus Filmaufführungen im Originalformat – seien es 35 mm, 15 mm, Super oder Normal 8, mit analogem Ton, mit Live-Musik zu Stummfilmen, oder digital, aufgeführt in Kinos in Frankfurt und außerhalb – und mit angegliedertem Symposion konzipiert. Das Timing ist perfekt, hat doch das Festival das Ziel, vergangenes und gegenwärtiges Kino kurzzuschließen: »Alte Filme sind ja nicht einfach alt, sondern durch sie wird Vergangenes als Bestandteil der Gegenwart erfahrbar«, so die drei Kuratorinnen. Und die Fragen nach der Sichtbarkeit und Repräsentanz von Frauen im Filmgeschäft, nach den Geschlechterverhältnissen auch jenseits der Branche ist leider nicht nur wegen des Skandals um Filmproduzent Harvey Weinstein und der #metoo-Debatte heute so aktuell wie in jenen fernen Tagen, in denen die Bilder laufen lernten.
Zum Festivaleinstand wird in einer thematischen Schleife das 100-jährige Jubiläum des Frauenwahlrechts und die Ausstellung »Damenwahl! 100 Jahre Frauenwahlrecht« im Historischen Museum mit einer Hommage an die, von der 68er-Bewegung ausgehenden, 50 Jahre feministischer Filmarbeit verknüpft. Außerdem soll jeweils das Werk einer Autorenfilmerin vorgestellt werden. Den Anfang macht die Frankfurter Regisseurin Recha Jungmann, die zwischen 1967 und 1982 in drei Lang- und einigen Kurzfilmen deutsche Alltagswirklichkeit und die Verwerfungen der Geschichte eingefangen hat.
Mit der Veranstaltung »Closing the Gap« wird an das erste europäische Frauenfilmfestival 1972 in Edinburgh erinnert; zu Gast sind die damaligen Organisatorinnen Lynda Myles und Laura Mulvey.
So erweckt das 56 Filme umfassende und mit Einführungen, Lesungen und Diskussionen ergänzte Programm durchaus den Eindruck eines gewissen, nur mühsam durch thematische Stichworte gebändigten Wildwuchses. Und bietet dafür die Gelegenheit, Filme zu entdecken und an jenem Ort zu sehen, für die sie gemacht wurden: dem Kino. Denn »Das Zeigen selbst ist eine Form des Filme-Machens«, sagen die Veranstalterinnen.
Die Namensgeberin der Kinothek, Asta Nielsen, ist im Stummfilm »Die Suffragette. Mimisches Schauspiel« von 1913 zu erleben, live auf dem Klavier begleitet von Jazzmusikerin Elvira Plenar. Doch auch der reale Suffragetten-Aufruhr wurde durch die Filmkamera weiterverbreitet. In Kurzfilmen über die Demonstrationen der Suffragetten, die für das Frauenwahlrecht stritten, ist etwa das historische Dokument »The Derby« von 1913 dabei, in dem der Tod der protestierenden Emily Davison live mitanzusehen ist. Jahrzehnte später dokumentierten Filmemacherinnen während der iranischen Revolution in »Mouvement de libération des femmes iraniennes, année zéro« live den ersten Widerstand gegen Khomeini. Nachdem dieser 1979 das Dekret zum Kopftuchzwang erlassen hatte, versammelten sich 5.000 Frauen für eine Gegendemonstration. Und die Bestürzung der damaligen Demonstrantinnen, dass ausgerechnet Linke das Tschadortragen gutheißen, erzeugt heute erneut Gänsehaut.
In neueren Filmen wie »We Want Sex« und »Die göttliche Ordnung«, werden die Kämpfe um gleichen Lohn und das Schweizer Frauenwahlrecht dagegen mit Humor betrachtet. Vielversprechend scheint der Dokumentarfilm »Das hat mich sehr verändert« von 1976 über die Arbeit eines Frankfurter Frauenzentrums, in dem einige »local heroines« wieder zu entdecken sind. Weitere Highlights sind der feministische Klassiker »Die Stille um Christine M.« von Marleen Gorris von 1982, das Arbeiterdrama »Cyankali« von 1930, das an die damals 10.000 jährlich bei einer Abtreibung gestorbenen Frauen erinnert, und das italienische Drama »Prozess gegen Caterina Ross« von 1982, das auf den Protokollen eines Hexenprozesses von 1679 basiert und in den verlassenen Hallen einer Mailänder Fabrik gedreht wurde. Im Spielfilm »Woman of Tomorrow« von 1914 werden anhand einer der ersten ausgebildeten Ärztinnen die Probleme von Frauen beleuchtet, berufliche Hingabe und Liebe unter einen Hut zu bringen. Freuen darf man sich auch auf den Musikdokumentarfilm »What Happened, Miss Simone« von 2015 über die politisch engagierte Bluessängerin Nina Simone. Und auch auf noch mehr Musik, nicht nur von drei Stummfilmpianistinnen, sondern auch bei einem »Dance-Off« mit elektronischer Tanzmusik im KoZ im Studierendenhaus.
Hauptspielorte sind die Pupille im Studierendenhaus und das Kino im Deutschen Filmmuseum.

Birgit Roschy (Foto: »Etwas tut weh«, © Recha Jungmann)
Vom 2. bis 11. November in Frankfurt
www.remake-festival.de

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