RAY: »EXTREME. BODIES« im Museum Angewandte Kunst

Schon seit einiger Zeit, eigentlich schon seit den 1990er-Jahren, spricht man von der Rückkehr des Körpers in die Kunst. Die Ästhetisierung von Gewalt und Sexualität ist seitdem ein immer wieder diskutiertes Thema, gerade auch im Zusammenhang mit aktueller Fotografie. In der MAK-Ausstellung »EXTREME.BOFIES« wird dies ein weiteres Mal bestätigt.
»Extreme« ist das Leitthema der aktuellen Ausgabe von RAY. Und auch im MAK geht es derzeit extrem, extrem körperlich, zu: Hier sind aktuelle Körperbilder zu sehen, wie etwa jene des finnischen Fotografen Arno Rafael Minkkinen, der seinen eigenen Körper wie eine Skulptur in der Natur einsetzt – und ihn so beinahe zum Verschwinden bringt. Ein, wie der Fotograf sagt, »Versuch, einen Gleichklang zwischen mir und der Natur herzustellen«.
Minkkinens Bilder sind die verträglichsten in der Ausstellung. Zwar ist auch für ihn die Fotografie eine Art Grenzerfahrung, doch fußen seine Bilder in einer Tradition der surrealistischen Körperfotografie, die dem Betrachter durchaus vertraut ist. Andere Werke der Schau sind krasser, gehen an Grenzen: Bilder, vor denen gewarnt wird, dass das Gezeigte auf Kinder und Jugendliche verstörend wirken könnte.
Und natürlich ist diese Fotokunst verstörend. Konstruktivismus, Minimal Art und Konzeptkunst haben in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts versucht, jene direkte, verstörende Sinnlichkeit als Chiffre zu hintergehen, doch seit einigen Jahren schon kehrt die Sinnlichkeit der Kunst wieder unvermittelt zurück.
Wie etwa die Werke von Antoine d’Agata, die zu den besten des ganzen RAY-Festivals zählen: Hier spritzen sich die Gezeigten Heroin, haben Sex auf schmutzigen Laken. Ausgemergelte Prostituierte in verkommenen Gebäuden sind zu sehen. Momente der Obsession, der Gewalt und des Rausches – gezeigt in malerischen, unscharfen, düster-glimmenden Fotografien.
Ein paar Schritte weiter nur findet man die digital bearbeiteten Fotoarbeiten von Inez van Lamsweerde und Vinoodh Matadin, die als gefeiertes Künstlerduo stets an der Grenze von Mode und Kunst operieren: Das niederländische Künstlerpaar untersucht seit Jahren die Themenfelder Geschlecht und Sexualität, Realität, Oberflächlichkeit und Identität, verbinden Glamour und Horror, Kunst und Kommerz.
Auch die fotografischen Wimmel-Bilder von Martin Liebscher sind bekannt. Seine multiplizierten Selbstporträts, diese digitalen Selbst-Vervielfachungen, die hunderte von Liebschers an bekannten Orten wie der Deutschen Börse oder dem Opernhaus Zürich zeigen, haben bis heute ihren Witz nicht verloren und stellen die immer aktuelle Frage: Wer bin ich? Hier verschwindet der Körper nicht, im Gegenteil: Er wird multipliziert – und so zu einem weiteren, bizarren Grenzfall.
Carolin Saages Transgender-Porträts überzeugen weniger als Boris Mikhailovs bekannte Serie »Case History«, die in den späten neunziger Jahren im ukrainischen Charkow entstanden ist. Hier versammelte Mikhailov Obdachlose seiner Heimatstadt und inszenierte Bilder von Menschen, denen jede Absicherung und Orientierung fehlt. Darunter, immer wieder, auch der Fotograf selbst. Als teilnehmender Beobachter, der uns zuruft: Ich bin einer von ihnen! Die Ausstellung wird komplettiert durch Videofilme Jamie Brunskills, in denen sich das Individuum schließlich ganz auflöst. Wir sehen Körper ohne Köpfe. Individuen, die reines Fleisch geworden sind. Auch das: extreme Körper.

Marc Peschke (Foto: © Carolin Saage)
Bis 9. September: Di.–So. 10–18 Uhr, Mi. bis 20 Uhr
www.museumangewandtekunst.de

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