»Quo vadis, Aida?« von Jasmila Zbanic

Als 1989 der Eiserne Vorhang fiel, glaubten viele, in Europa werde nun ein Zeitalter des Friedens anbrechen. Doch aus dem damaligen Jugoslawien, insbesondere aus Slowenien und dort schon vor 1989, ertönten warnende Stimmen. Sie sollten Recht behalten, denn das Auseinanderbrechen Jugoslawiens gehört zu den großen europäischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, und das Massaker von Srebrenica im Juni 1995 ist der bekannteste Tiefpunkt in diesem Bürgerkrieg.

Die bosnische Regisseurin Jasmila Zbanic nimmt in »Quo vadis, Aida?« einen sehr persönlichen und deshalb besonders ergreifenden Standpunkt ein. Sie erzählt von dem Kriegsverbrechen aus der Sicht der bosnischen Muslimin Aida (Jasna Djuricic), einer Lehrerin, die für die UN-Blauhelme als Dolmetscherin arbeitet. Sie sitzt mit am Tisch, als den in Srebrenica ausharrenden Menschen versprochen wird, dass es Luftangriffe auf die serbischen Truppen geben werde, wenn diese in die Stadt einzumarschieren versuchten.
Doch die Luftangriffe bleiben aus. Wie schon von den skeptischen Bosniern befürchtet, besetzen serbische Truppen die Stadt, ohne irgendeinen Widerstand. Als die Einwohner aus ihren Häusern fliehen, setzt sich Aida unermüdlich bei den niederländischen Blauhelmen dafür ein, ihren Auftrag, die Bevölkerung zu beschützen, ernst zu nehmen.
Aber schon das Camp, das als Schutzzone dienen soll, ist zu klein. Eine riesige Menschenmenge bleibt vor dem Zaun und begehrt Einlass, der wegen Überfüllung nicht gewährt wird. Unter ihnen auch Aidas Mann Nihad (Izudin Bajrovic) und ihre zwei halbwüchsigen Söhne Hamidja (Boris Ler) und Ejo (Dino Bajrovic). Nur mit Tricks kann sie ihre Familie in das Lager bekommen.
Wie eine Löwin kämpft Aida um das Leben ihrer Männer. Dabei laufen die Argumente der Blauhelme immer auf das Gleiche hinaus: Wenn sie Aida einen Vorteil gewähren, wollen alle anderen diesen auch. Ist Mitmenschlichkeit Frauensache?
Bewaffnete Serben dringen bis ans Lager vor und verlangen Zutritt, während der niederländische Kommandant Karremans (Johan Heldenbergh) mit dem Milizen-Anführer Ratko Mladic (Boris Isakovic) verhandelt. Von den waffenklirrenden Serben geht ein ungeheurer Druck aus. Den kampferprobten und gewissenlos-entschlossenen Männern stehen junge UN-Soldaten gegenüber, die frisch von der Schule zu kommen scheinen und der Situation nicht gewachsen sind.
Colonel Karremans bekommt von dem sich konziliant gebenden Milizen-Kommandant Ratko Mladić (Boris Isakovic) die Zusage auf freies Geleit für die Zivilbevölkerung. Doch plötzlich gelten die bosnischen Männer als ehemalige Soldaten, die verdächtigt werden, Serben getötet haben. Die Milizionäre wollen sie auf Waffen untersuchen und trennen sie von den Frauen. Auf Lastwagen sollen sie nach Kladanj ins Serbengebiet gebracht werden, wo der Tod auf sie wartet.
Mit zunehmender Verzweiflung rennt Aida von ihren Leuten zu den Blauhelmen und zu Karremans, um ihn zu bewegen, wenigstens ihre Familie auf die UN-Helferliste zu setzen. Sie fleht ihn sogar auf den Knien an. Doch Karremans wagt nicht, eigenmächtig zu handeln. Und so schauen die Blauhelme zu, wie die Männer in Lastwagen und die Frauen in Bussen abtransportiert werden. Am Ende stehen 8372 Tote, denen der Film gewidmet ist.
Regisseurin Jasmila Zbanic hat sich bereits in ihrem Erstling »Esmas Geheimnis – Grbavica« mit dem Leid der Frauen im jugoslawischen Bürgerkrieg und den viel zu wenig beachteten Spätfolgen befasst. Für ihren bewegenden Film wurde sie auf der Berlinale 2006 mit einem Goldenen Bären ausgezeichnet. Für »Quo vadis, Aida?« hat sie den Bericht »Unter der Flagge der Vereinten Nationen. Die Staatengemeinschaft und der Völkermord von Srebrenica« zu Hilfe genommen. Mit ihrem dokumentarischen Stil zieht sie die Zuschauer unwiderstehlich in das Geschehen hinein, als würden sie es selbst erleben. Überragend ist Jasna Duricic in der Rolle der Aida. Ihre unglaubliche Darstellung einer bis an ihre körperliche wie psychische Grenzen kämpfenden Frau gehört zu den eindrucksvollsten Schauspielerleistungen der letzten Zeit.

Claus Wecker (Foto: (c) Deblokada, Foto von Christine A. Maier)
QUO VADIS, AIDA?
von Jasmila Zbanic, Bosnien-Herzegovina 2020, 104 Min.
mit Jasna Ðuricic, Izudin Bajrovic, Boris Ler, Dino Bajrovic, Raymond Thiry, Johan Heldenbergh
Kriegsdrama
Start: 05.08.2021

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