»Promising Young Woman« von Emerald Fennell

Die Zeiten, in denen Roman Polanski das Kinopublikum mit seinem Psychothrillerer »Ekel« erschüttern konnte, sind heute vorbei. Damals, im Jahr 1965, trieben respektlose sexuelle Attacken eine junge Frau in eine Psychose und der Regisseur die entnervte Hauptdarstellerin Catherine Deneuve nach den Dreharbeiten in ein Sanatorium (damals wurde das noch als ein Method-acting-Risiko angesehen und nicht als Polanskis Sündenfall, dem noch mehrere folgen sollten).

Heute schlagen die Frauen zurück. Auch auf der Kinoleinwand. In »Promising Young Woman« beispielsweise Carey Mulligan, die als Nachbarin von Ryan Gosling in »Drive« bekannt geworden ist. Jetzt hat sie sich in die Rachegöttin Cassie verwandelt (Cassandra mit vollem Namen und mehr als nur eine Unheilverkünderin). Cassie gibt nämlich die sturzbesoffene junge Frau im angesagten Club, die zum Abschleppen bereit scheint. Doch wenn der angelockte Mann ihrem Nein zum Trotz zur Tat schreiten will, ist sie plötzlich stocknüchtern. Ob der Geschockte mit dem Leben davonkommt, bleibt zunächst im Dunkeln. Handelt es sich etwa um eine moderne Fassung von Thomés »Rote Sonne«, dem Film mit der Mädels-WG, in der nur eine Nacht Sex erlaubt war und der anschließende Tod des Beteiligten gefordert? Aber nein. Die Nachrichten von Serienmorden bleiben aus.

Cass fordert von Männern Respekt vor Frauen, und sie tut dies trickreich und aus gutem Grund. Während ihrer Studienzeit wurde ihre beste Freundin von Kommilitonen vergewaltigt. Sie hat das nicht überlebt, und Cass hat daraufhin ihr Medizinstudium abgebrochen. Jetzt arbeitet sie in einem Coffe Shop, in dem eines Tages ihr ehemaliger Kommilitone und jetziger Kinderarzt Ryan (Bo Burnham) auftaucht.

Ryan ist Cassies sympathischer Mr. Perfect, der stets eine witzige Antwort weiß. (Dass er einmal bei seinem Besuch im Café eine Brille trägt und danach unbebrillt bleibt, ist eine verzeihliche Nachlässigkeit). Als der Film aber in einer weichgespülten romantischen Komödie zu versanden droht, kommt die Wendung zu einem packenden Thriller, dessen Verlauf hier noch nicht einmal angedeutet werden soll.

Das Drehbuch zu diesem raffiniert zusammengesetzten Genremix aus Rachethriller, Gesellschaftskritik und romantischer Komödie, den man kurz als eine Krimikomödie bezeichnen kann, stammt von Emerald Fennell, einer viel beschäftigten Schauspielerin (»Anna Karenina«) und Autorin, die hier ihr verheißungsvolles Regiedebüt gegeben hat. Es hängt viel von Carey Mulligan ab, der es gelingt, ein weites Spektrum von Emotionen auszudrücken. Und das so überzeugend, dass jeder Mann, der nur einen Funken Gerechtigkeitsempfinden verspürt, mit ihr mitfühlen kann.

Claus Wecker

 

PROMISING YOUNG WOMAN
von Emerald Fennell, USA/GB 2020, 113 Min.
mit Carey Mulligan, Bo Burnham, Laverne Cox, Clancy Brown, Jennifer Coolidge, Alison Brie
Krimikomödie / Start: 19.08.2021 / Filmtipp
Foto: © Merie Weismiller Wallace / Focus Features

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