Museum für Kommunikation: Stefan Enders zeigt Menschen »Weit weg von Brüssel«

Sie schauen ernst, gesammelt, ausdrucksstark in die Kamera. Und mit festem Stand, auch wenn die Bilder sie überwiegend als Torso, nur im Dreiviertelausschnitt zeigen: die Menschen von den Grenzen Europas. Ein litauisches Professorenpaar, ein schottischer Leuchtturmwärter, ein polnischer Köhler, ein spanischer Grenzsoldat und eine portugiesische Krankenschwester gehören zu den rund 200 Personen, die der Fotograf Stefan Enders für sein Projekt »Weit weg von Brüssel« porträtierte, aber auch ein rumänisches Straßenkind, ein bulgarischer Security-Mann und griechische Neofaschisten. Ein gutes Drittel von ihnen ist in der gleichnamigen Ausstellung des Museums für Kommunikation zu sehen.
Weit weg von Brüssel und nahe bei den Menschen meint hier allerdings keinen Gegensatz etwa von menschenferner Bürokratie und gelebtem Alltag. Auf den 31.000 Kilometern, die Endres sieben Monate mit seinem VW-Bus durch 15 Länder führten, erlebte er ein starkes Zugehörigkeitsgefühl, das sich über die kulturelle und geografische Verortung hinaus für viele auch mit gewonnener Rechtssicherheit, Strukturreformen, Freizügigkeit oder politischer Liberalisierung verbindet. Oder auch mit Wohlstand: »Wir essen viel besser!«, korrigierte in einem Gespräch der litauische Professor seine Gattin, die meinte, es habe sich nichts geändert. Und reisen tun sie auch.
Ausgehend von Schottland führte die Tour über Nordirland, die Normandie und die spanische Enklave Melilla, nach Griechenland und in die Ukraine, um über Osteuropa und das Baltikum am finnischen Polarkreis zu enden. Als der Mainzer Hochschullehrer und Künstler sich 2015 dafür eine Auszeit nahm, konnte er nicht ahnen, wie politisch das Ergebnis seiner Recherche ausfallen würde. Da die Zuspitzung der Fluchtbewegungen nach Europa erst nach Beginn der Reise einsetzte, speist sich die Brisanz der Ausstellung vor allem aus dem Stimmungswandel, den Europa seither zu erleben scheint.
Zu spüren ist indes auch der gravierende Umbruch, den das erweiterte Europa vor allem in seinen Binnenstrukturen erlebt. Die arbeitslose portugiesische Krankenschwester besucht mit ihren Kolleginnen Deutschkurse am Goethe-Institut, um ihr Land möglichst bald zu verlassen. Die meisten der Straßenkinder, auf die Enders in Rumänien trifft, sind von ihren auf Jobsuche ausgewanderten Eltern bei mehr oder weniger fernen Verwandten zurückgelassen worden. Der zwölfjährige Andres, der es nur unter immenser Anstrengung schafft, ein paar Minuten für die Aufnahmen still zu halten, schnüffelt Klebstoff und erkennt ihn wenige Minuten später schon nicht mehr. Ein zugewanderter Brite dagegen hat in der Region Temeswar im Westen des Landes sein Silicon Valley entdeckt.
Was für ein Unterschied zu Jurek Zajac, der das Plakat zur Ausstellung schmückt. Der polnische Köhler lebt in den Waldkarpaten und erhält während seiner einsamen Arbeitsmonate im Wald allenfalls Besuch von Bären. Viel Zeit zum Lesen hat er: Für »Krieg und Frieden« brauchte Zajac gerade mal zwei Wochen.
65 Schwarzweißporträts bilden diese Hommage an die Menschen Europas im 2. Stock des MfK samt je einem Begleittext und einem Zitat. Dazu hat der in Sachsenhausen geborene Fotograf auch situative Farbbilder gestellt, die von der Reise selbst erzählen. Wie ein Band reihum angelegt sind die Aufnahmen weder chronologisch, noch geografisch, sondern allein nach ästhetischen Aspekten geordnet. Ein Band, das man sich gerne als Reigen vorstellen mag, auch wenn das ein wenig kitschig anmutet.

Lorenz Gatt
Bis 10. März, Di.-Fr., 9-18 Uhr; Sa., So., 11-19 Uhr
www.mfk-frankfurt.de

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