Museum Angewandte Kunst präsentiert »Beauty« von Sagmeister & Walsh

Den Weg zum Glück hat der Österreicher Stefan Sagmeister im Museum Angewandte Kunst vor zwei Jahren mit »The Happy Show« geebnet. Und diesen wählten so viele Besucher wie nie zuvor im Richard Meyer-Bau. Zusammen mit seiner New Yorker Design-Studio-Partnerin Jessica Walsh lädt der charismatische Positivdenker nun dazu ein, der Schönheit zu folgen. Und wieder werden wir im zweiten Stock des Hauses auf einen so bunten wie unterhaltenden Parcours aus Kunst, Statistiken, Lehrsätzen, Grafiken und Aha-Erlebnissen mit etlichen Mitmachstationen geschickt.
In seiner »Happy Show« lehnte sich Sagmeister (unter vielem anderen) an die (umstrittene) These des Wissenschaftlers Steven Pinker an, derzufolge die Welt fast im Selbstlauf der Evolution immer friedlicher wird. Mit der Schönheit, erfahren wir nun aber, verhält es sich deutlich anders, denn die sei der Menschheit mit der Moderne vor gut einhundert Jahren – Hallo Bauhaus! – regelrecht ausgetrieben worden. Galt das Schöne über Jahrtausende als Wert an sich, so gilt es nach dem Siegeszug des technischen Fortschritts nur noch als dysfunktional. Dass die Moderne mit dem Schönen auch die Tradition, das Besondere und die Eigenheit schliff, liegt auf der Hand.
Tatsächlich liefert »Beauty« eindrucksvolle Beispiele für Sagmeisters Thesen. Eine davon ist ein kleiner tunnelartig geschlossener Gang, in dem man zur Linken Bilder aus den unterschiedlich gestalteten Stationen der Moskauer U-Bahn sieht und auf der rechten Seite die immer-gleichen Ansichten aus München, auf denen nur das Stationsschild verrät, wo man sich gerade befindet.
Dass Schönheit nicht etwa relativ und schon gar nicht bloße Geschmacksache sei, sondern eine ›conditio humana‹, wird mit vielen Beispielen belegt.
Der Besucher kann an Demonstrationswänden mit kleinen Marken, die er beim Eintritt erhält, über die schönste Farbe, schönste Form oder schönste Figuration abstimmen. Ein Blick auf die jeweiligen Behälter auf der Rückseite verrät, dass in Frankfurt wie sonst auf der Welt das Blau, der Kreis und das Ornamentale positiv und das Braun, das Rechteck und das Schmucklose als sein Gegenteil empfunden werden. Ein anderes Beispiel dokumentiert, wie akut Demenzkranke eine Auswahl von Bildern auch im zeitlichen Abstand immer wieder in dieselbe Reihenfolge bringen. Der Sinn für das Schöne manifestiert sich scheinbar unabhängig von Erfahrung und Wissen.
Da ist es doch ein Trost, dass seit gut zehn Jahren die Schönheit wieder im Kommen scheint. Eine vergleichende Studie weist nach, dass der Begriff seit etwa 15 Jahren mit steigender Tendenz in Büchern wieder verwendet wird, nachdem er gegen Ende des 19. Jahrhunderts rapide abnahm.
Man fühlt sich angenehm unterhalten beim Besuch dieser Ausstellung, die so ganz eigen und in ein schönes Blau gekleidet ist. Manchem fällt erst beim Verlassen, wenigen schon beim Kommen die Phalanx von atmenden Plastiktüten längs dem Aufgang im MAK auf. Unter leiser Luftzufuhr blähen sie sich wie Lungenflügel auf, um dann langsam zusammenzusinken. Auch wenn es nicht schön aussieht, so ist es doch die Stimmung .

Lorenz Gatt (Foto: © Maggie Winters)
Bis 15. September: Di., Do.–So., 10–18 Uhr; Mi., bis 20 Uhr
www.museumangewandtekunst.de

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