Moses rennt – oder: Die weibliche Seite Gottes. Zur Sonderausstellung des Jüdischen Museums

Wieso ist Gott männlich? Wer hat Gott zu Gott gemacht? Oder anders gefragt: Welche Ideologien haben die monotheistischen Religionen herausgebildet, um Gott eindeutig dem männlichen Geschlecht zuzuweisen? Und: wo bleibt denn dann das Weibliche? (kann das so kursiv als Vorspann stehen bleiben? Das wäre gut, sonst ist der Übergang zu krass)
Moses rennt. So viele geöffnete Beine, fruchtbare Schenkel und emporgereckte Brüste sind eindeutig zu viel für ihn. Und diese Kleopatras mit ihrem anmutigen Gebärden und ihrer geschminkten Schönheit sind ja auch kaum auszuhalten. Da nimmt man doch lieber Reißaus. Irgendwie verständlich, aus seiner Perspektive.
Die US-amerikanische Cartoonistin Nina Paley hat diese witzige Animation geschaffen, die als Eingangssequenz in den Ausstellungsparcours zur »Weiblichen Seite Gottes« hinüber leitet. Sie hat Fotografien altorientalischer, sumerischer und babylonischer Mütter-und Fruchtbarkeitsgöttinnen zu einem filmischen Fries zusammengefasst und ihnen einen kleinen Moses beigegeben, der sich da eifrig auf die Vorderläufe macht. Jenseits davon sind in einem Schaukasten Statuetten dieser Gottheiten ausgestellt, komplettiert durch die »Bronze Goddess Sculpture« von Judy Chicago, eine handflächengroße Skulptur aus dem Jahr 2017.
Dieses feministisch- ironische Entree folgt auf den »Prolog« der israelischen Künstlerin Ayala Serfaty – zwei wie überdimensionale Hörner geformte Throne, die sich zu den sphärischen Klängen von Meredith Monk gegeneinander drehen. Darin könnten Personen Platz nehmen – oder auch zwei Götter, zwei Göttinnen.
Wer dann in den von Spiegeln begleiteten Rundgang der Ausstellung eintritt, wird von einem mondlichtblauen Flimmern empfangen – und der berühmten Arie »Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen« der Königin der Nacht aus Mozarts »Zauberflöte«. Das ist witzig, das ist irritierend, was ja immer das beste Konzept einer Ausstellung ist – aus dem Konzept gebracht zu werden.
Sie entwirft ein sehr assoziatives und überraschendes Bild der Göttinnen, der Gottfrau, der Gottmutter, der weiblichen Seite Gottes. Die Exponate schlagen einen kulturhistorischen Bogen zwischen Geschichte und Kunst über mehrere Jahrtausende hinweg. Sie waren in diesem Zusammenhang noch nie zu sehen. Schon bei der ersten Draufsicht wird klar, wieviel Spaß es gemacht haben muss, diese Ausstellung zu konzipieren. Und da sollte man sich auf so manche Überraschung gefasst machen.
Doch eines nach dem anderen: Ungefähr ab dem fünften vorchristlichen Jahrtausend verdrängt mit dem Aufkommen der monotheistischen Religionen das Bild des männlichen Gott(vaters) die weiblichen Gottheiten, die ihm zuvor gleichberechtigt oder vorangestellt waren. Die erste Sequenz der Ausstellung ist den Göttinnen im alten Israel gewidmet, die zweite der Weisheit und der Gegenwart Gottes in der Frau, die dritte der Frau als Bedrohung, die vierte den Glaubensmüttern und die fünfte der Selbstermächtigung. (Kleine Nebenbemerkung: diese Übersetzung des so inflationär modischen Begriffes »Empowerment« finde ich einen zweiten Gedanken und eine Neuübersetzung wert)
Die Kuratorinnen haben sich dazu entschlossen, nicht eindeutig chronologisch voranzuschreiten, sondern die Exponate in diese fünf Themenbereiche zu gliedern und dabei das Trennende, aber auch das Verbindende der Glaubensvorstellungen verschiedener Religionen zu zeigen. Bildnisse der nährenden Mutter werden einander gegenübergestellt: einmal die altägyptische Isis, die Horus stillt, aber ihm gleichzeitig die göttliche Kraft einflößt, während bei der »Madonna mit der Birne«, einem Gemälde aus der Renaissance von Joos van Cleve, der ernährende fürsorgliche Aspekt im Vordergrund steht. Isis sitzt stolz und hoch aufgerichtet auf einem Thron, Maria beugt sich liebevoll zu ihrem rosigen Baby. Sie ist ganz eindeutig keine Göttin, sie ist eine Mama.
Lilith symbolisiert die Frau als Bedrohung; sie ist dem jüdischen Glauben zufolge die erste Frau Adams, die aber seinen Herrschaftsanspruch nicht zu akzeptieren bereit war und aus dem Schöpfungskosmos floh, die Ur-Mutter der Emanzipation sozusagen. In den Mythen hat sie selbstverständlich einen Ort gefunden, hat sich als Unheil bringende Verführerin manifestiert. Ihre Figur basiert auf einem alten sumerischen Glauben, der Lilith als Gottheit betrachtete. Das ist sie nun nicht mehr, sondern eine blonde, geistesverwirrte Dämonin.
Zu den Höhepunkten der Ausstellung gehört sicherlich die Schechina (die Gegenwart Gottes in der Welt) von Anselm Kiefer aus dem Jahr 1999, die er als Shabbatbraut deutet: sie trägt ein weißes Kleid, umgeben von getrockneten Blumen, der Kopf ist ein Käfig mit nummerierten Schnüren, die auf die Kabbala hinweisen.
Und der zweite ist ein vergoldeter Madonnenschrein aus den Pyrenäen aus dem 15. Jahrhundert, der sich aufklappen lässt und in seinem Innern eine kleine Skulptur Gottes verbirgt, dessen Kind Maria auf dem Arm trägt. Sie ist mit Gott gefüllt, eine gedankliche Verbindung, die es nach dem 16. Jahrhundert nicht mehr geben durfte. Schließlich ist die Jungfrau eine Jungfrau und auf keinen Fall voll, schon gar nicht mit einem Gott in Männergestalt. Und so gibt es von dieser Art Madonnenschrein überhaupt nur noch 13 Exemplare auf der Welt, die versteckt und so gerettet werden konnten. Das ist wirklich sensationell.
Die Ausstellung arbeitet mit einer ganzen Fülle solcher Querverweise, wobei die jeweiligen Exponate in ihrer assoziativen Zusammenstellung unzählige Denkanstöße geben. Da sind die spinnwebfeinen Gebetsschürzen, der kostbare Thoravorhang, Gebetbücher und Handschriften aus dem Mittelalter, die Esther-Rolle von 1564 aus Venedig, die Gedichte an den Wänden. Um all das abzustützen, dafür ist der prachtvolle Katalog da – er liefert wertvollste Informationen nach. Mit gefällt das: keine seitenlangen schriftlichen Exponate lesen zu müssen, sondern nur zu schauen und zu hören und zu denken. Ist das nicht auch – eine weibliche Seite?

Susanne Asal

Foto: Joan Snyder ( *1940 ), OUR FOREMOTHERS (JEWISH NEW YEAR 5756), 1995, Farblithografie, Radierung und Holzschnitt auf lederfarbenem Papier. Commissioned by The Jewish Museum, New York as its Annual New Year‘s Graphic. Edition 2/90, sponsored by Vera G. List, 1995-129 Joan Snyder, Brooklyn, NY.

Bis 14. Februar 2021: Di., Do., 10–21 Uhr; Mi., Fr.–So., 10–18 Uhr
www.juedischesmuseum.de

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