»Mein Leben mit Amanda« von Mikhaël Hers

Ein Spätsommerfilm par excellence, menschennah, diskret und mit einer lebensbejahenden Grundstimmung in einem brutalen Drama vom Verlust eines geliebten Menschen. Der gewaltsame äußere Eingriff in die Biographien einer kleinen Gruppe von Personen, die trotz prekärer Umstände von Leben und Arbeit Momente des Glücks zu genießen gelernt haben. Aber doch alles andere als ein handelsübliches Feelgood Movie.

Ein Film über eine Stadt im tiefen Sonnenlicht und mit entsprechenden Schatten, über Menschen, die es zu nicht viel gebracht haben, aber irgendwie zurechtkommen, und die mit ein paar Schatten der Vergangenheit leben: David, der nette, leichtfüßige Mittzwanziger, seine Schwester Sandrine, die Lehrerin, die ihre siebenjährige Tochter Amanda allein großziehen muss. Und Amanda selbst, die noch die großen Erwartungen eines Schulkindes, aber keine Zazie-hafte Überlegenheit aufweist. Sie ist sich der Verletzlichkeit ringsum durchaus bewusst; oft ist es der Blick des Kindes, der die Fragen nach den Beziehungen, den verborgenen Wahrheiten, dem verborgenen Sinn mancher Dinge stellt. Die ersten Szenen beleuchten dieses Leben am Rand von Prekariat und Traumtanz: David hat sich bei einem seiner Botengänge für einen Vermieter verspätet und lässt Amanda warten. Sandrine ist empört, aber der Streit wird nicht nachhaltig sein; Amanda fragt besorgt, ob etwa jemand von beiden sauer sei; Amanda und Sandrine tanzen zu Elvis Presleys »Don’t Be Cruel«; Eltern machen Sandrine in der Schule eine Szene, weil sie ein Kind zu grob angepackt haben soll, das sie provozierte; David braucht eine Übersetzungshilfe von seiner Schwester und wird von einem Security-Mann am Schuleingang durchsucht.
Alles könnte so weitergehen, zwischen Davids bescheidener Lebenskunst, Sandrines Balance am Rande des Nervenzusammenbruchs und Amandas Wissbegier, zwischen dem üblichen Alltagsärger und den kleinen Glücksmomenten wie einer Fahrradfahrt durch Paris, ein leuchtender Kino-Song über trotzige Lebenslust. Schließlich bahnt sich ja auch noch eine Liebesgeschichte zwischen David und Léna an, der Klavierlehrerin aus Bordeaux, die auch Amanda unterrichten soll, und Sandrine hofft, endlich jemanden gefunden zu haben, der es ernst meint.
Doch dann wird Sandrine Opfer eines Anschlages, zu dem wir keine näheren Informationen erhalten. Der Film zeigt weder den Vorgang noch Hintergründe, es ist nur der radikale Bruch in mehreren Lebensgeschichten, vielleicht auch in einer Stadt zu sehen. Die kleinen warnenden Vorzeichen offenbaren jetzt ihren Sinn, die gewöhnlichen Zornausbrüche, das Misstrauen und das »Elvis has just left the building« als Redensart für den Umstand, dass Warten keinen Sinn mehr macht, wie Sandrine ihrer Tochter erklärt, das Zeltlager in der Vorstadt, der kaputte Familienroman von David und Sandrine, das Chaos am Bahnhof. Wirklich, wir leben in finsteren Zeiten. Aber es ist Sommer, und die Türen und Fenster sind offen, man kann sich nicht verstecken, und die Augen sind schwer zu schließen.
Und jetzt muss sich David entscheiden, ob er die Verantwortung auf sich nimmt, Amanda zu betreuen. Das ist für beide nicht so leicht, und auch mit der Trauer umzugehen, darauf war man nicht vorbereitet. Es sind nun verletzte und entwurzelte Menschen, die miteinander eine Neuordnung des Lebens hinkriegen müssen. Denn auch Léna, die bei dem Anschlag mit einer Armverletzung überlebte, leidet unter dem traumatischen Geschehen und bricht schon bei einem Straßengeräusch, das sie daran erinnert zusammen. Und Amanda, die abwechselnd bei David und bei der Tante übernachtet, weiß nicht wohin mit ihrem Zorn und ihrer Angst und empfindet es schon als Verrat, dass David die Zahnbürste ihrer toten Mutter nicht aufbewahrt hat.
Aus vielen solcher Kleinigkeiten setzt sich das Geschehen zusammen, immer wieder auch, wie am Anfang, aus den teils pädagogischen, teils hilflosen Versuchen, Amanda zu erklären, was geschieht. Dabei gibt es so vieles, was einfach nicht zu erklären ist, oder wenigstens nicht einfach zu erklären.
Mikhaël Hers dritter Spielfilm handelt wie seine Vorgänger vom Erwachsenwerden als Schmerz und Erlösung, von Erinnerung und Zeit, von der Leerstelle, die ein Mensch hinterlässt, wenn er geht, so oder so. Die scheinbar so einfache Grundidee des Dramas nämlich ist es vor allem, einen Raum zu geben für zahlreiche Spiegelungen und Echo-Effekte in den Geschichten von David, dem bindungsscheuen Nicht-Erwachsenen, und Sandrine mit ihren Beziehungskatastrophen, zwei Reaktionen auf ein kindliches Trennungstrauma, von dem wir nur am Rande einer geplanten Reise nach London erfahren. Das Spiegelbildliche und Leitmotivische wird besonders deutlich bei den Radfahrten durch Paris, bei der Beobachtung von Tennisspielen, bei den Seitenblicken auf Parks und Bäume.
Die Frage, wie man weiterlebt nach dem Tod eines geliebten Menschen, eines Menschen, der dem eigenen Leben den Sinn gab, wird von Mikhäel Hers Film vielschichtiger und verschlungener bearbeitet, als es etwa Nanni Moretti mit seinem »La stanza del figlio« tat, aber mit derselben behutsamen Zärtlichkeit. Als wüsste die Kamera sehr genau, wann sie sich nähern, wann sie Distanz und Ruhe bewahren muss, was sie direkt und was sie indirekt darstellen kann. Und sie verlangt den großen Darstellern ein präzises, aber kein exzessives Spiel ab. Umso näher ist man ihnen.

Georg Seeßlen (Foto: © Nord-Ouest Films)
MEIN LEBEN MIT AMANDA (Amanda)
von Mikhaël Hers, F 2018, 107 Min., mit Vincent Lacoste, Isaure Multrier, Stacy Martin, Ophélia Kolb
Drama
Start: 12.09.2019

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