Mehr Licht – Zur Neueröffnung des Jüdischen Museums

Nach fünf Jahren Wartezeit feiert die jüdischste Stadt Deutschlands (Peter Feldmann) die Neueröffnung des Jüdischen Museums. Es ist ein richtiger Blickfang geworden mit einem gleißend weißen, komplett neu gestalteten Rothschild-Palais und dem so genannten Lichtbau mit einem himmelhohen Glasdach am neu geschaffenen Bertha-Pappenheim-Platz 1. Einziger Schmuck neben viel Glas und puristischem Weiß ist die emblematische Baumskulptur von Ariel Schlesinger. Die scheinbar wurzellose, elf Meter hohe Metall- Skulptur wird von einem zweiten Baum überthront und umfangen, der sehr wohl Wurzeln schlägt, aber in den Himmel. Die jüdische Identität? Doch ist sie auch eine wunderbare Metapher. Mögen doch all die tollen Ideen, die in diesem neuen Museum stecken, in den Himmel wachsen, aber sie können auch gerne auf fruchtbaren Boden fallen, das wäre das Allerbeste.
Der blendendweiße Lichtbau leitet in den Platz im Rücken der städtischen Oper über und somit in die Stadt hinein. Der öffentliche Raum geht so allmählich in den musealen über. Das Museum kann man besuchen, ohne in die Ausstellungen zu gehen, die Buchhandlung, das koschere Café Flowdeli und die Bibliothek mit seinen 30.000 Bänden stehen jedem offen.
Es will – und es wird – den öffentlichen Diskurs der Stadtgesellschaft prägen durch viele Veranstaltungen, Lesungen, Diskussionen und Konzerte, denn »Wir sind jetzt«, so sein selbstbewusstes Motto. Die jüdische Gemeinschaft in Frankfurt, so die Kuratorin Sabine Kößling, war immer und stets pluralistisch und intellektuell, hat immer das Stadtleben mitgeprägt, von ihren ersten Anfängen an. Und sie wuchs immer hinein in Europa.
Der neue Bau versteht sich ausdrücklich als ein Museum ohne Mauern. Es schließt sich geschichtlich an das Museum Judengasse an, setzt mit seinen Exponaten im frühen 19. Jahrhundert nach Aufhebung des Judenghettos ein. Das ehemalige Rothschild-Palais ist praktisch das größte Exponat, ein Museum im Museum, das auf seinen drei Stockwerken die Jahrhunderte durchstreift und dabei die private Palais-Atmosphäre bewahren möchte. Die weltoffene Selbstvergewisserung lässt sich leicht an der Geschichte der Familie Rothschild ablesen, aber auch an dem Maler Moritz Daniel Oppenheim, dessen Gemälde in zwei Räumen (sehr städel-haft in Dunkelgrün) gezeigt werden.
Visuelle, emotionale und kognitive Erfahrbarkeit haben bei der Museumskonzeption die prägende Rolle gespielt. Es ist kein Museum der Vitrinen und seitenlangen Erklärungstexte, sondern mit zahlreichen interaktiven Komponenten ausgestattet.
Das wirkt alles sehr spielerisch, und das soll es auch, denn ein ganz wesentlicher Bestandteil des Museums in kommunaler Regie ist sein Bildungsauftrag, und den nehmen die Museumsleiterin Mirjam Wenzel und ihr Team sehr ernst. Wo entstehen Hass, Rassismus und Antisemitismus, wie kann man entgegensteuern? Es sind nicht nur die vielen interaktiven Möglichkeiten, die Kinder und Jugendliche ansprechen sollen, es gibt auch spezielle Mitmachprogramme.
Wichtig ist Mirjam Wenzel auch der multiperspektivische Aspekt in der Präsentation. Es existiert nicht immer nur DIE eine Sicht auf die Dinge, man muss schon hinterfragen, adornistisch, selbst-reflexiv, würden sie und die Kulturdezernentin Ina Hartwig unisono sagen. Geschichte wird durch biografische Vermittlung greifbar, zum Beispiel durch einen wunderbaren silbernen Lebensbaum, den eine nach Brasilien ausgewanderte Familie dem Museum überließ. Dieser trägt Früchte aus Silbereicheln, und in jeder kleinen Eichel ist ein gemaltes Porträt eines Familienangehörigen enthalten. Das ist wirklich überwältigend. Und so sind viele private Schenkungen die wahren Schätze des Museums – das gilt natürlich auch für die Exponate zur Familie der Anne Frank.
Derzeit dürfen sich nicht mehr als 100 Besucher gleichzeitig im Museum aufhalten, es werden bei der Buchung (am besten online) Zeitslots vergeben. Die erste Wechselausstellung »Die weibliche Seite Gottes« besprechen wir im Dezember-Strandgut.

Susanne Asal (Foto: © Norbert Miguletz)

Di. 10-20 Uhr, Mi. bis So. 10-18 Uhr
www.juedischesmuseum.de

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